Kultur : Musik in Berlin: Süchtig nach mehr

Martin Wilkening

Der Musik einen Raum, ein Volumen zu geben, sie fühlbar, anfassbar, sichtbar zu machen - das sind Vorstellungen, die Wolfgang Rihm während der letzten Jahrzehnte wie kaum ein anderer in seiner Musik zu gestalten versucht hat. Meist stehen dabei skulpturale Vorstellungen im Vordergrund. Aber auch die Idee des Zeichnens, die Spur der Linien auf einer Fläche in der Zeit spielt in vielen Stücken eine Rolle.

"Zeichnungen" nennt Rihm dann auch lapidar zwei Kompositionen, die mit Violine beziehungsweise Cello und Klavier die zarte Bewegung einer Linie auf viel weißem Hintergrund nachziehen. "Antlitz" und "von weit", so die Haupttitel der beiden Stücke, tasten in minimalen Tonbewegungen die leere Fläche ab, in einer Ästhetik, die sich unverhohlen auf Morton Feldman bezieht, übertragen allerdings in das Idiom Rihms. Gespielt im selben Konzert ergibt sich eine faszinierende Beziehung zwischen der scharfen Präzision des Violinstückes und dem diffus verschatteten Erinnerungsbild, das das Cellostück dazu entwirft. Steffen Tast, Ringela Riemke und Fred Oldenburg waren die vorzüglichen Solisten in diesem Konzert des Kammerensembles Neue Musik Berlin, das mit Beat Furrer als Dirigenten auch in den Ensemble-Stücken endlich wieder einmal jene Spitzenleistung zeigen konnte, die in den letzten Konzerten eher erahnbar blieb. Seien es die minimalen, psychologisch immens wirkungsvollen Klangverschiebungen in Gérard Griseys Spektralkomposition "Partiels" oder die ein energetisches Zentrum umkreisenden Klangpartikel in Beat Furrers "still" - beide Stücke wurden so spannungsvoll gespielt, dass es einfach süchtig machte nach mehr: mehr Musik von diesen Komponisten, mehr solchen Interpretationen.

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