Kultur : Musik ist politisch!

Der Bariton Thomas Quasthoff singt in Berlin für den Nachwuchs

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Herr Quasthoff, Sie haben sich für die AidsStiftung engagiert und für die Opfer von Tschernobyl. Jetzt tun Sie etwas für „startup!music“, das neue Hochbegabten-Stipendium der Hochschule für Musik Hanns Eisler hier in Berlin. Heißt das für Sie: zurück zur Musik und weg von den politischen Belangen?

Gegenfrage: Was ist politischer als Musik? Wir leben in einer Welt, in der es wichtiger ist, Kriege zu führen, als sich um soziale oder humanitäre Belange zu kümmern. Darum, dass die Menschen genug zu essen haben; darum, dass sie etwas lernen können. Das halte ich für eine Katastrophe. Und darauf muss ich als Künstler immer wieder hinweisen. Benefiz-Konzerte sind kein schlechtes Podium.

Musik allein macht aber auch nicht satt.

Nein, trotzdem müssen wir Künstler Zeichen setzen. Ich kann doch nicht sprachlos zusehen, wenn in Zeiten wirtschaftlicher Not wieder einmal als erstes an der Kultur und an der Bildung gespart wird. Damit schaufeln wir uns - das ist meine feste Überzeugung - unser eigenes Grab.

Schlechte Aussichten also für den künstlerischen Nachwuchs?

Wer etwas kann und wer etwas zu sagen hat, der wird auch weiter Karriere machen. Und nichts gegen kleine Häuser, aber man darf ja nicht vergessen, dass auch Theater wie Memmingen oder Rostock - so sie weiterexistieren - Personal brauchen. Ohne einen gesunden künstlerischen Mittelstand können wir unsere Hochkultur sowieso vergessen. Pro Jahr drängen vielleicht 10000 Sängerinnen und Sänger an die Hochschulen, auf den Markt. Wenn eine oder einer von denen eine internationale Laufbahn einschlägt, dann ist das viel.

Haben sich die Bedingungen für ein erfolgreiches Sängerleben, wenn Sie an Ihre Anfänge zurückdenken,verbessert oder verschlechtert?

Das kommt darauf, was man will. Die schnelle Mark, okay, das ist leichter geworden. Man kann heute jeden Abend in einer anderen Talk-Show sitzen. Ich aber bin kein Society-Typ, von mir wird es nie Homestories geben oder irgendwelche Entblätterungen in der Yellow-Press. Aber wenn es um Kontinuität geht, um Ernsthaftigkeit - ich glaube, das ist heute ziemlich schwer. Meine Definition ist simpel: Meine Karriere versetzt mich in die Lage, mit den tollsten und wichtigsten Orchestern und Dirigenten auf der ganzen Welt Musik machen zu dürfen. Da ist viel Glück dabei, aber auch viel Arbeit.

Klingt, als sei alles in Ordnung, sobald man nur weit genug oben steht auf der Leiter.

Das würde ich anders formulieren: Mit jeder Sprosse wächst die Verantwortung. Unser soziales Verhalten hat sich grundlegend gewandelt. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich ganz groß das Wort „Gewinnorientierung“ auf die Fahne geschrieben hat. Und wir werden von Politikern regiert, die, kulturell gesehen, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Und da soll alles in Ordnung sein? Also wenn ich an Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt zurückdenke ...

... auch der noch amtierende Wirtschaftsminister Müller hat ja eine musische Ader ...

Deshalb trete ich am Sonntag ja im Bundeswirtschaftsministerium auf! Aber Spaß beiseite: Dahinter steht der Gedanke, dass Kultur und Wirtschaft enger miteinander verknüpft werden müssen. Die Politik muss dafür sorgen, dass das private Engagement für Kunst und Kultur selbstverständlich wird. Es ist doch genug Geld da, es muss nur richtig verteilt werden. Ich persönlich zum Beispiel habe nichts gegen die Vermögenssteuer. Das Geld, das ich verdiene, brauche ich nicht alles. Aber ich möchte natürlich, dass es in Kunst, in Bildung angelegt wird und nicht in Waffen.

Sie hatten viele Jahre eine Professur an der Musikhochschule in Detmold. Die geben Sie jetzt auf. Keine Lust mehr am Unterrichten?

Doch! Und wie! Aber ich bin jemand, der neue Herausforderungen liebt. Und ich brauche die Großstadt. Ich brauche Konzerte, Theater, Kinos. Bei dem Gedanken, in Detmold alt zu werden, habe ich irgendwann eine Gänsehaut bekommen.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

Thomas Quasthoff singt am Sonntag um 12.00 Uhr im Bundeswirtschaftsministerium, Scharnhorststraße 34-37, Schuberts „Winterreise“. Am Klavier: Justus Zeyen. Karten zum Preis von € 100 unter Tel. 826 47 27.

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