Kultur : Musik ist Trumpf

JOCHEN METZNER

Nicht wenige Kubaner haben in der Vergangenheit Leib und Leben riskiert, um ihrer Heimat Adieu zu sagen. Der französische DJ Jean Claude Gué wählte 1994 den umgekehrten Weg - er streckte seinen Ferienaufenthalt auf der Zuckerinsel bis heute. Dafür gab es einen guten Grund: die Musiklandschaft Kubas in ihrer wild wuchernden Artenvielfalt, die von ihrer Schnittpunktlage zwischen den Hemisphären profitiert. Claude Gué gründete auf der Insel die Band Sin Palabras, die ihre percussive Schlagfertigkeit vor einem räumlich wie zeitlich nahezu unbegrenzten Horizont entwickelt. Auch bei ihrem Heimatklänge-Auftritt im neuen Tempodrom am Ostbahnhof können sich die Musiker um José "El teacher" Medina somit den Luxus leisten, die eher jazzigen, derzeit enorm angesagten Insel-Spielarten stillschweigend zu ignorieren. Ihr Ausgangspunkt ist eher die Rumba. So sind bei Sin Palabras kaum Melodieinstrumente dabei, tönen höchstens ein paar dürftige Keyboard-Füllsel durchs Zelt. Die Stärke der schon ergrauten, doch höchst feurigen Trommel-Routiniers liegt in der zunehmend hypnotisierenden Verschärfung der rituellen Herzschläge Afrikas in wirbelnden Schlaggewittern. Wo traditionell (fast) alles purer Rhythmus ist, muß auch der "Gesang" im Takt mithecheln - durch ihre temporäre Symbiose mit dem jugendlichen Rapper-Quartett Proyecto F sind auch Sin Palabras in der Gegenwart angelangt. Wenn die unterschiedlichsten rhythmischen Energien so erstaunlich leicht verschmelzen, die musikalischen Gezeiten stürmisch verfließen, haben es sogar rigide politische Abgrenzungen schwer: die Schüttelreimer sind großflächig mit "Michigan" oder "Los Angeles" beschriftet, könnten aber ebensogut auch aus Frankfurt-Rödelheim stammen (Freitag u. Sonnabend um 21.30 Uhr, Sonntag um 16 Uhr).

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