Musik : Thielemann ist neuer Dirigent der Dresdner Staatskapelle

Ab 2012 wird Christian Thielemann die Musiker der Dresdner Staatskapelle dirigieren. Er glänzte mit einem seiner Paradestücke: Bruckners Achte.

Jörg Königsdorf

Christian Thielemann und die Musiker der Dresdner Staatskapelle wussten, was am 14. September 2009 auf dem Spiel stand. Wenige Monate zuvor hatte sich das Orchester mit seinem Chefdirigenten Fabio Luisi überworfen, ungefähr zur gleichen Zeit hatte Thielemann seinen Weggang aus München angekündigt. Kein Wunder, dass das Dirigat, das der 50-Jährige für den angeblich erkrankten Luisi übernommen hatte, in der Presse als „überdimensioniertes Probedirigat“ betitelt wurde. Das wohl auch, weil Thielemann das geplante Programm mit Mahlers Siebter durch eins seiner Paradestücke, Bruckners Achte, ersetzte: Wer sich bewirbt, will natürlich seine Fähigkeiten in bestem Licht scheinen lassen. Der Abend war bekanntlich erfolgreich: Ab 2012 wird Thielemann in Dresden amtieren. Das Booklet des jetzt bei Hänssler als 31. Folge der Edition Staatskapelle Dresden erschienenen Konzertmitschnitts zeigt denn auch den strahlenden Maestro bei der Vertragsunterzeichnung mit Sachsens Kulturministerin.

Das größte Versprechen auf eine glänzende Zukunft der zuletzt etwas angeschlagenen Klassikmetropole Dresden ist aber die Aufnahme selbst. So überwältigend gelingt Thielemann und dem Orchester Bruckners c-MollSinfonie, dass die Musiker den Berliner einfach zu ihrem neuen Chef wählen mussten. Jenseits aller Geschmacksfragen beeindruckt die handwerkliche Souveränität, mit der Thielemann seinen Bruckner disponiert – der unforcierte, von einem großen Atem getragene sinfonische Prozess. Dieser Bruckner hat nichts forciert Heroisches, auch keine mystischen Nebel, er verzichtet auf schicksalhaft-dramatische Zuspitzung. Die Einwürfe des Blechs im Kopfsatz klingen bei Bruckner-Koryphäen wie Eugen Jochum warnender, die tiefen Streicher bedrohlicher, die Holzbläser verletzlicher.

Thielemann ordnet all diese Bausteine einem Ideal absoluter Musik unter, versteht sie als architektonische Details, die freilich immer die Lebendigkeit besitzen, die großes Musizieren ausmacht. Klarheit und der tragende Puls sind bei ihm nur die Basis für die Entfaltung des wunderbaren Dresdner Orchesterklangs – am schönsten im Adagio, wo die feierliche Stimmung sich vom ersten Takt an aus dem leuchtenden Streicherklang ergibt und wo nicht dirigentische Extravaganzen, sondern die Farben der Staatskapelle selbst den Spagat zwischen Innerlichkeit und Tragik bewältigen. Am nächsten steht dieses organische Bruckner-Bild den Interpretationen des niederländischen Altmeisters Bernard Haitink, auch in seinen Schwächen. Denn wollte man etwas kritisieren, wäre es am ehesten das Finale – weil die ersten drei Sätze hauptsächlich Harmonie verströmten, fehlt der Überdruck für den Konflikt, den es hier zu lösen gälte. Das Einzige, was Thielemanns Bruckner (noch) fehlt, ist der Zweifel. Aber der gehört ja auch nicht in einen Bewerbungstermin. Jörg Königsdorf

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