Kultur : Musiker der Deutschen Oper: Gegenwehr

Uwe Friedrich

Beim ersten Versuch, Schostakowitschs 2. Cellokonzert zu spielen, reißt dem Solisten David Geringas nach wenigen Tönen eine Saite. Mit raschem Schritt eilt er hinaus, um Ersatz zu suchen. Dann geht es von vorne los. Große Kunst ist eben auch wiederholbares Ergebnis harter Probenarbeit. Kraftvoll und sehr diesseitig geben das Orchester der Deutschen Oper und Geringas das Werk. Resignation und Entsagung kommen nur knapp zu Wort, es dominiert der vorwärts eilende, optimistische Gestus. Der Dirigent Marc Albrecht beschränkt sich darauf, effizient zu koordinieren. Dabei funktionieren gerade Schostakowitschs Solokonzerte als äußerst brutale Konfrontationen des Solisten mit dem totalitären System, symbolisiert durch das Orchestertutti. Verzweifelt wehrt sich das Individuum, in dem man durchaus den Komponisten sehen darf, gegen diese Zumutungen, bis es schließlich in Resignation versinkt. Wenn das "totalitäre System" jedoch nur brav seinen Part abspult, bleibt die verzweifelte Gegenwehr des Individuums nur schwach begründet. Zumal den Musikern der Deutschen Oper das Umschlagen der Klangfarbe in eine gleichsam transzendentale Qualität nicht selbstverständlich zur Verfügung steht. Bei Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" fühlen sich die Musiker dann wieder auf sicherem Terrain. Heftige Eruptionen brechen auf und werden auf zackiges Geheiß Albrechts zurückgenommen. Sie machen ebenso überwältigende Effekte wie die rhythmische Präzision der Blechbläserattacken. Der designierte erste Gastdirigent der Deutschen Oper zeigt sich als Meister des Spannungsaufbaus und gibt so der Theatermusik ihr Recht auf dem Podium.

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