Musikfestival : Hört auf die Natur

Maestro, Ministervater: Am Herrenchiemsee hat Enoch zu Guttenberg ein exquisites Musikfestival etabliert.

Uwe Friedrich

Pausenklingel kann jeder, auch die Idee, das Ende der Aufführungsunterbrechung mit einer Handvoll Blechbläser auf dem Balkon anzuzeigen, ist inzwischen ziemlich abgegriffen. Deshalb lässt der Dirigent Enoch zu Guttenberg auf der Insel Herrenchiemsee Alphörner blasen, um das Festspielpublikum durch die Prunkräume Ludwigs II. auf den Weg zurück in den Spiegelsaal zu locken.

Höfische Pracht ist durchaus gewollt im monströsen Prunkschloss, das der bayerische „Kini“ nur wenige Tage bewohnte. Doch die Herrenchiemsee-Festspiele sind keine nostalgische Verherrlichung einer vermeintlich glanzvollen, königlichen Vergangenheit. Enoch zu Guttenberg ist der Moralist unter den Dirigenten, Musik ist für ihn immer Träger einer Botschaft. Zudem versteht sich der Sohn eines Politikers und Vater des Bundeswirtschaftsministers als dezidiert politischer Mensch, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. „Ich sehe, dass die Politik meistens in Vierjahresrhythmen denkt, das ist eine Art Mode. In der Krise müssten Politiker aber den Mut zu unpopulären Entscheidungen haben, auch wenn das den Machtverlust bei den nächsten Wahlen bedeutet. Ich hoffe, dass mein Sohn dieses Denken in die Politik zurückbringt.“

Wenn Enoch zu Guttenberg im Haydn- Jahr 2009 dessen großen Oratorien „Die Schöpfung“ sowie „Die Jahreszeiten“ auf das Programm setzt, so verbindet der Mitgründer des Bundes Umwelt und Naturschutz damit eine ebenso praktische wie konservative Aussage: Die Bewahrung der Natur – zumindest in der Schwundstufe, die heute noch erlebbar ist. „Ich habe in meiner Kindheit noch eine andere Umwelt gekannt, die inzwischen unwiederbringlich verloren ist. Was den Klimaschutz betrifft, bin ich Pessimist, und unter den Zwängen der Wirtschaftskrise wird der Umweltschutz immer weiter in den Hintergrund gedrängt.“

So wurde seine bemerkenswert flott dirigierte „Schöpfung“ mit großen Ausbrüchen und Momenten verblüffender Zärtlichkeit sowie überwältigendem Gespür für Klangfarben zum dramatischen Plädoyer für die Verantwortlichkeit des Menschen auch gegenüber den nachfolgenden Generationen. Das Orchester, die „KlangVerwaltung“, spielt vibratolos, jedoch ohne den Klang historischer Instrumente kopieren zu wollen. Zusammen mit stilsicheren Sängern und dem grandiosen Hammerflügelspieler Reinhart Vogel gelingt ihnen eine ebenso eigenwillige wie überzeugende Sicht auf dieses doch etwas abgegriffene Werk.

In freien Musikervereinigungen wie der „KlangVerwaltung“ sieht Enoch zu Guttenberg die Zukunft der Orchestermusik. Während die großen fest angestellten Klangkörper in der Politik den Rückhalt verlieren und die Arbeitshaltung der quasi verbeamteten Musiker mitunter zu wünschen übrig lasse, kämen in den freien Orchestern nur jene Musiker zusammen, die wirklich am jeweiligen Projekt interessiert seien. „Auch wenn ich mit einem renommierten Symphonieorchester arbeite“, erklärt Guttenberg süffisant lächelnd, „kriege ich nur 60 Prozent von dem, was ich mir vorstelle. Die KlangVerwaltung und ich sind hingegen ein eingespieltes Team, bei dem sich jeder blind auf den anderen verlassen kann.“

Aber nicht alle Aufführungen der Herrenchiemsee- Festspiele werden von Guttenberg und seinem Orchester bestritten. In das Motto „Stillleben – Nature morte“ passt auch die Aufführung von Georg Philipp Telemanns letztem Oratorium „Der Tag des Gerichts“ durch das Neue Orchester (und mit einem bemerkenswert stark verstimmten Cembalo) unter der Leitung des Dirigenten Andrew Parrott.

Zeitgenössische Musik fristet bei Guttenbergs Festival dagegen ein Nischendasein, in diesem Jahr vor allem in der kleinen Klosterkirche der Insel Frauenchiemsee. Hier interpretierte der Kammerchor München den „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina aus dem Jahr 1977. Das mikrotonale Chorwerk wurde nicht zuletzt durch den überragenden Cellisten zu einem Höhepunkt der inzwischen zehnjährigen Festspielgeschichte.

Ansonsten wird der Freund neuer Musik auf den Inseln im Chiemsee Experimentelles vergebens suchen, aber gerade das Gediegene, das betont Unmodische dieser Festspiele machen die Juliwochen auf den beiden Inseln im Bayerischen Meer zum einzigartigen Erlebnis. Schon die Anreise, die ausschließlich mit dem Schiff möglich ist, reißt das Publikum aus der Hektik des Alltags, die gebauten Kulissenwelten König Ludwigs II. verstärken noch den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein. Ein eigenartiger und einzigartiger Ort, an dem Enoch zu Guttenberg sein Ziel zweifellos erreicht hat, der Musik wieder eine Bedeutung zu verleihen, die über den reinen Schönklang weit hinaus reicht.

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