Musiktheater : Manche mögen’s roh

Ohne Orchestergraben: "Raw Opera" heißt der Trend im Musiktheater. Drei Sängerinnen bringen ihn nach Berlin.

Udo Badelt
Raw Opera
Wenig Pomp, viel Stimme. Rachel von Hindman probt mit Regisseur Jean-Ronald LaFond Verdis "Macbeth". -Foto: David Heerde

Rotes Licht fällt auf die vier Pfeiler, die den Saal tragen. Locker sind große Sitzflächen über den Raum verteilt, an der Wand entlang erstreckt sich eine lange, orange beleuchtete Bar. Clubstimmung stellt sich ein, fast möchte man einen Drink bestellen. Da fängt Kristian Paul plötzlich an zu singen, und sofort gehört ihm alle Aufmerksamkeit. Unvermittelt trifft sein gewaltiger Bariton auf die nackten Wände: „Mi si affaccia un pugnal? L’elsa a me volta?“ – „Was will dieser Dolch? Der Griff mir zugekehrt?“ Sein Blick flackert wie wahnsinnig, gleich wird er die Gemächer von Duncan betreten und den König ermorden. Das rote Licht der Säulen verliert seine Unschuld, es sieht aus wie Blut.

Was hier jäh wie ein Blitz in die Homebase Lounge am Potsdamer Platz einfährt, ist eine Probe zu Verdis Shakespeare-Oper „Macbeth“. Welten liegen zwischen den Partys, die normalerweise an diesem Ort gefeiert werden, und der düsteren Geschichte aus Gewalt, Hybris und Selbstzweifel, die jetzt auf der Bühne erbarmungslos ihrem Ende zurollt. Es ist die Geschichte vom schottischen Feldherren Macbeth, der dem Schicksal vorgreift, das ihm eine Zukunft als König prophezeit hat, und dabei zum Massenmörder und Tyrannen wird. Eine Gruppe von Sängern aus fünf Kontinenten trägt das Stück. Sie nennen sich „Berlin International Opera“.

Noch eine Oper? In einer Stadt, die schon drei große Bühnen und die Neuköllner Oper hat und in der jetzt auch noch die Volksbühne Oper spielt? Wie will die Truppe da ein eigenes Profil entwickeln? Indem sie aus der Not eine Tugend macht – und mit wenigen Mitteln dem Publikum Oper direkt präsentiert, ohne die Barrieren und Hemmschwellen des bürgerlichen Musikbetriebs, ohne Rituale und ohne großes Haus. „Oper pur“ oder „Raw Opera“ heißt das Konzept, das größere Nähe zum Stück ermöglichen soll. Wie bei Shakespeare sitzt das Publikum um die Darsteller herum, manchmal nur einen Meter entfernt. Viele Besucher hören erstmals, wie laut die Stimme eines Opernsängers tatsächlich ist, wenn kein Orchester spielt. Denn das gibt es hier nicht, die musikalische Leiterin Kanako Nakagawa begleitet die Sänger nur am Klavier. Die gebürtige Japanerin hat die New Yorker Juillard School besucht und kam vor sechzehn Jahren nach Deutschland, um bei dem Liedexperten Hartmut Höll in Karlsruhe zu studieren. Seit sechs Jahren lebt sie in Berlin und unterrichtet an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

So wie sie kommen jedes Jahr Sänger und Musiker aus der ganzen Welt nach Berlin. In den Künsten hat die Stadt die internationale Anziehungskraft, die ihr in der Wirtschaft fehlt. Auch „Berlin International Opera“ ist in diesem dichten Kulturbiotop entstanden. „Die Stadt ist für viele Künstler ein Leuchtturm“, so Mitbegründerin Rachel von Hindman. Ihre Kollegin Meredith Nicholl, die in „Macbeth“ die zweite Hexe singt, ergänzt: „In Los Angeles haben wir auch eine Oper, aber da spielen sie nur La Bohème, Traviata und Carmen. Was anderes gibt es nicht und wäre auch gar nicht erwünscht. In Berlin sind Experimente möglich – und es gibt ein Publikum dafür. Das ist das Fantastische.“

Doch die großen Erwartungen vor allem der amerikanischen Sänger werden oft schnell enttäuscht. Auch in Berlin fließen weder Milch noch Honig, werden Stellen an den Theatern abgebaut oder nur unter der Hand vergeben. Seit dem Fall der Mauer kommt noch die osteuropäische Konkurrenz hinzu. 2006 haben sechs Sänger, die an keinem Haus fest engagiert waren, die Dinge in die Hand genommen und eine Oper selbst aufgeführt, nämlich „Don Giovanni“. Die Produktion wurde ein voller Erfolg, und so entschlossen sie sich, unter dem Namen „Berlin International Opera“ weiterzumachen. Die sechs Abende von „Figaros Hochzeit“ im Grunewalder Löwenpalais waren alle ausverkauft, die Produktion wurde daraufhin im Saalbau Neukölln wiederholt. „In den USA sind solche Geschichten normal“, erzählt Rachel von Hindman, „fast alle großen Theater dort sind so begründet worden.“ Einen Sponsor gibt es noch nicht, die Sänger verdienen nicht viel. Aber sie können ihr Repertoire ausbauen.

Nach Mozart jetzt also Macbeth. Wieso der Schwenk zu einem so dunklen Stück? „Ich habe eine lange Beziehung zu dem Stoff, auch als Schauspieler“, sagt Regisseur Jean-Ronald LaFond. „Es ist eine wichtige Oper in Verdis Schaffen, der erste Shakespeare, den er vertont hat. Was er später vor allem in Otello gemacht hat – die Nummerarien aufzugeben, ganze Szenen durchzukomponieren – all das beginnt schon hier.“ LaFond, gebürtiger Haitianer, hat an der University of Michigan Gesang studiert und an verschiedenen Universitäten unterrichtet. Er arbeitet als Schauspieler, Opern- und Liedsänger und als Regisseur. In seinen Inszenierungen liest er die Figuren gerne gegen den Strich. Don Ottavio ist bei ihm nicht der Feigling, als der er sonst immer gesehen wird, und Macbeth nicht der Schwächling, der widerstandslos alles tut, was seine monströse Frau ihm befiehlt. „Er ist ein erfolgreicher Kriegsheld, und auch gegenüber Lady Macbeth zeigt er Stärke“, sagt LaFond. Diese Seiten der Figur will der Regisseur deutlich herausarbeiten.

Ein Fan von Berlin International Opera ist übrigens der Filmemacher Simon Chappuzeau. Er sah „Figaro“ und bot der Truppe prompt seine Homebase Lounge für Aufführungen an. In der ehemaligen Privatbank, die nach dem Krieg hart an der Mauer lag, hat einst die Firma Buderus Öfen verkauft. Ihre Werbung prangt noch immer an der Fassade – ein Stück authentisches Berlin inmitten der Künstlichkeit des Potsdamer Platzes. Deshalb lädt Chappuzeau hier seit 2004 zu jeder Berlinale seine Kollegen aus der Filmbranche ein. Damit die sich mal von dem Neubauviertel gleich nebenan erholen können. Die Homebase ist ein roher, ungeschliffener Ort. Und das passt dann doch wieder sehr gut zum Konzept von „Raw Opera“.

Premiere am 13. März um 19 Uhr 30, weitere Aufführungen 14. bis 17. und 19. bis 21. März. Homebase Lounge, Köthener Straße 44. Weitere Informationen: www.berlininternationalopera.com.

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