Kultur : Musikzimmer: Der dritte und der siebte Weg

Nächste Woche: Lutz Hachmeister im Fernsehzim

Dass der Kulturkritiker Klaus Theweleit zuweilen auch in einer in die Jahre gekommenen Combo Freiburger Originale seinem Hobby der freien Improvisation frönt, war unter Kennern bekannt und auch ein wenig mythenumrankt. Doch jenseits des Breisgau hatte das niemand gehört, und da man die Leute eh nur mit Gewalt dazu bringen kann, sich freie Musik anzuhören und auch Theweleit-Leser sich lieber an seinen zahlreichen Lektüren zugänglicherer Songs wärmten, hat sich auch niemand darum gekümmert, das Zeug bekannt zu machen. Nun, da das Kölner Suppose-Label, das schon Spoken-Word-Dokumente von Hubert Fichte, Theorie von Geert Lovink und einen Sampler zu Oswald Wieners 65stem verdienstvollerweise und leider auch von Sloterdijk veröffentlicht hat, auf zwei Doppel-CDs öffentliche Reden von Theweleit herausbringt, ist sozusagen als Zugabe auch eine CD mit der Musik der dem Vernehmen nach seit 30 Jahren wirkenden Gruppe BST herausgekommen, "Viosilence". Wahrlich eine Überraschung!

Vor etwas mehr als 30 Jahren reiste eine Truppe radikaler afroamerikanischer Free Jazzer (Archie Shepp, Grachan Moncur III, das Art Ensemble of Chicago u.v.m.) nach Algier, um am Panafrikanischen Festival teilzunehmen. Für einige Recording Dates blieben sie in Paris hängen, um in wenigen Tagen ca. 30 LPs untereinander und mit französischen Kollegen aufzunehmen, die von dem BYG-Label gemeinsam mit der Zeitschrift "actuel" veröffentlicht wurden. Dies war mindestens eine (von vielleicht drei - die anderen fanden in London und Berlin statt) Geburtsstunde des europäischen Free Jazz. Der Sound, der für Jacques Attali in seinem zurzeit wieder so viel gelesenen Buch über Lärm und Geräusch von 1976 als Sieger aus seinen Diskussionsbattles hervorgeht, war geboren. Theweleit beruft sich ausdrücklich auf dieses Erbe von Byg, Art Ensemble und Albert Ayler. Mit diesen Klängen einer "Black Music" im Kopf hätten sie mit einer größeren Besetzung vor dreißig Jahren angefangen.

Würde man vom heutigen BST-Sound aus einen Ursprung vor 30 Jahren konstruieren, würde man vielleicht eher bei der Nordeuropäischen Dorfmusik von Sven Ake Johannsson und Freunden landen oder bei dem französischen Acting Trio - aber das veröffentlichte schließlich auch auf Byg/Actuel. Jedenfalls ist es eine atemberaubende Platte, ein totaler Knaller, ein nicht für möglich gehaltener dritter (oder siebter) Weg freier Musik. Sehr, sehr rabaukig, ohne in fixe Gesten der Gewalt einzuschnappen. Das Brachiale entsteht nicht durch Selbstvereinfachung, sondern auf die entgegengesetzte Weise: laute komplizierte Zustände des Kollegen aushalten ohne dabei selber Ruhe zu geben. Die viel zitierte Intensität des Free Jazz ganz ohne dessen Floskeln, und natürlich auch ohne die Probleme, Fortschritte und Verfeinerungen einer öffentlich mit sich selbst beschäftigten Profi-Improv-Szene: im Moment der extremen Freiheit in den Psycho-Tank gesperrt und dort 30 Jahre sich selbst überlassen. Dass ihnen die Puste nicht ausgeht, liegt daran, daß sie nicht blasen, sondern streichen (schlauer Trick!)

Mit Jochen Distelmeyer und seiner Band Blumfeld meldet sich einer der größten Fans der Bücher des oben Gefeierten mit einer ganz anderen Musik zurück. Das "Testament der Angst" radikalisiert die antielitär gemeinte Nähe zu Alltagssprache, Schlagertext, größtmöglicher Allgemeinheit der letzten Blumfeld-Platte noch um einige Umdrehungen. Diese Platte ist so ehrlich. Ihr Feind ist die Lüge. Und statt sich gegen Einwände einen schlauen Gegeneinwand vorab zu überlegen, reißt sie alle Kleidungsstücke und andere Rüstungen noch weiter auf und bietet dem hämischen Kritikerbiss freiwillig entblößte, heftig pulsierende Adern dar. Natürlich ist das auch strategisch. Aber nicht dieser Widerspruch stört mich, eher die in der ostentativen Ehrlichkeit und Einfachheit mitschwingenden normativen Gebilde: die auf der Platte verdeckte, auf dem Info ausgesprochene Aufforderung, doch zuzugeben, dass man genauso denke und sich nur nicht traue, sich als einfachen, ängstlichen, verunsicherten Menschen preiszugeben.

Die große Begabung Distelmeyers liegt indes darin, sich nicht - wie es das alte Diskurs-Pop-Klischee erwarten lässt - als Eigentümer ungewöhnlicher Einsichten zu präsentieren, sondern als widersprüchliche Type, der man gern beim Widersprüchlichsein zuschaut. Wenn er nicht seine enorme Präsenz, über die er doch so viel souveräner und charmanter verfügt als alle nachgewachsenen Mitstreiter, nicht immer zur Penetranz unkontrolliert wachsen ließe. Auf einer Platte, die doch sonst so kontrolliert ist, so ganz ironiefrei, unpostmodern und auf höchste Songeffizienz getrimmt.

Zu feiern ist aber neben reif und unauffällig fein gebauten Songs und den Verblüffungseffekten mancher Sätze ("Es ist geil, wenn man sich küsst") vor allem die Wiederentdeckung des Begriffs der "Anpassung". Distelmeyer, der schon vor zehn Jahren weitsichtig den "Spaßtyrann" erfand, hat mit dem Relaunch einer plakativen Konformismus-Kritik allerdings ins ganz Schwarze getroffen. Prima ist dann auch die winzige Insel der Ironie in dem auch musikalisch anrührendsten Lied, "Anders als Glücklich", wenn der Schmerzensmann-Ich-Erzähler sich vom Chor der Lassie Singers gekonnt relativieren lässt. Es gibt über diese Mischung aus verschönerten Scherben, linken Schlager und "Blood on the Tracks" jedenfalls mehr zu reden und zu debattieren als über das meiste sonst. Auch dadurch wird ein Missverständnis um den Begriff "Diskurspop" korrigiert: es geht darum, Diskurse auszulösen, nicht sie zu repräsentieren.

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