Kultur : Musikzimmer: Die absolute Lächerlichkeit der Pop-Musik

Pop-Musik kann eine Menge. Pop-Musik kann immer mehr. Pop-Musik bildet heutzutage mehr Welten und Subwelten als je zuvor. Pop-Musik sorgt für grenzenlose Verständigung über feinste Nuancen kultureller Selbsteinschätzung. Pop-Musik verbindet global Menschen, die auf einen mikroskopisch genau definierten Beat stehen - und sonst nichts. Pop-Musik stiftet die unglaublichsten Gemeinschaften. Und vor allem lädt sie in der Menschheitsgeschichte ungekannte Massen zur Selbstverwirklichung durch die noch entlegensten Lebensmöglichkeiten ein, zu Erfahrungen und Gefühlen, die vor nicht allzu langer Zeit nur irgendwelchen französischen Adligen offen gestanden hätten. Massen! Nur eines hat die Pop-Musik vergessen und verlernt. Das Nein-Sagen. Pop-Musik war einst fähig, sich selbst mit Grandezza zu negieren. Sie konnte die absolute Lächerlichkeit und Erbärmlichkeit der ganzen Veranstaltung, die sie selbst ist, so plausibel aussprechen, dass niemand, der dieses Nein gehört hatte, je wieder etwas anderes als diese Negation hören wollte.

Pop-Musik legitimierte sich darüber, dass sie sich selbst hassen konnte. Punk war berühmt für diese Kraft der Negation, doch auch Einzelnen ist dies immer wieder gelungen: die erreichbaren Spielarten von Pop-Musik mit solcher Bosheit zu diskreditieren, dass ganze Genres verbrannten. Nach Punk konnte man auch akzeptable Stimmen wie die von Dylan und den Beatles einige Jahre einfach nicht mehr hören. Gegen Sting, Phil Collins und U2 sind wichtige Teile heute noch lebender Generationen für immer geimpft worden. Das hilft zwar nicht dagegen, dass für die Süddeutsche Zeitung U 2 "linke Dandies" sind, obwohl genau diese beiden Möglichkeiten, ein anständiges Leben zu führen, als Linke oder Dandies, haargenau U 2 nicht zur Verfügung stehen.

Es geht nicht darum, dass die heutige Pop-Musik wieder so eine Universalschmähung und Demontage verdiente, wie sie es angeblich kurz vor Punk als besonders entartete verdiente. Es geht um etwas Anderes: die schiere Möglichkeit, in der Sprache der Pop-Musik dieselbe zu verwünschen. Diese Möglichkeit ist verschwunden. Leider.

Ob nun zu filigran-selbstverliebter Jazzrock oder bombastischer Stadionrock - die angeblichen Entartungen, die, wie es der Mythos will, vom gerechten Punk gerächt und annihiliert wurden, waren ja nicht annähernd so unerträglich wie Lounge-Jazz oder Downbeat oder andere anerkannt atmosphärische Stimmungsmusik von heute. Punk und andere Negationsmusik hatte nicht Recht, weil der Gegenstand der Aggression so schlimm war. Die Aggression bedurfte eben gar nicht der Legitimation durch blöde oder böse Gegner. Die Aggression hatte recht, weil sie die Sprache der Pop-Musik erneuerte, in eine neue Verbindlichkeitsspirale einspeiste.

Nach Punk musste man entweder gute Gründe oder Legitimationsakrobatik aufbieten, wenn man wieder erbauliche Musik machen wollte - oder man musste sich gleich dazu bekennen, sich nicht mehr verteidigen zu können oder zu wollen. Diese Kraft der Negation bewirkte ein aus diversen Geschichten bekanntes, produktives Paradox: die Sprache der Pop-Musik wurde durch Beschränkung reicher und kräftiger. Heute wird sie immer nur noch reicher und reicher und dadurch kraftlos.

Dies sei nicht aus einem Pathos der Verbindlichkeit und der Strenge heraus gesagt, sondern als ein Lob der Rekreation. Immer wieder wollte eine neue Generation nachvollziehen, auf welchen Genealogien das Vokabular aufbaute, wollte den geschichtlichen Punkt des eigenen Eintritts in die Verästelungen eintragen und markieren. Das ging nur mit Gewalt. Anders kam man nicht hinter die verknöcherten und verholzten Rinden. Und daran konnte man den Unterschied erkennen zwischen denen, die dies verstanden hatten und den anderen, die sich Ausdrucksmittel nahmen und liehen, wo immer sie Attraktivität nur witterten. Edwyn Collins schrieb Anfang der 80er einmal über eine Phil-Collins-Version eines Motown-Songs, dass man am Drum-Sound schon hören könne, daß Collins Motown nicht verstanden hätte. Wie solle er auch, er sei ja auch der Feind. Heute ist jeder Feind wieder nur ein anderer völlig berechtigter Biotop, ein weiterer ahistorischer Gebrauch von etwas irgendwo Gefundenem. Negation ist durchgestrichen.

Man könnte sagen, Techno hätte das letzte Mal eine Tradition von Pop-Musik weggefegt und durch Beschränkung der Mittel neue Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Und genauso ist es auch. Einerseits. Andererseits hat mit Techno genau die Kultur begonnen, in der jede Variante und jede Version nur wieder eine neue Selbstverwirklichungsgemeinschaft begründete, nicht mehr eine existenzielle Wahl mit großer Tragweite. Techno hat eben auch genau jene Pop-Musik zu Grabe getragen, in deren Sprache man noch die große Negation artikulieren konnte, die sich selbst durchstreichen und vernichten konnte, ohne ironisch zu werden. Die noch ernst sein konnte.

Die Versuche all derjenigen, die in irgendeinem dieser Stadien dabei waren, solche Momente wieder auferstehen zu lassen, ob im letzten Jahr von Kevin Rowland oder in diesem von Prefab Sprout sind groß oder rührend, brillant oder grotesk, lächerlich oder größenwahnsinnig - hochinteressant also. Aber sie können auch die Ordnung nicht zurückbringen, als man noch durch ein Schnarren der Stimme oder eine Übersteuerung der Snare ein Statement gegen jede andere Stimme oder Snare machen konnte.

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