Kultur : Musikzimmer: Grütze oder Raster

Musik kann man beschreiben, indem man die Bedingungen beschwört, unter denen sie entstanden ist: "Und dann das Gitarren-Solo. Und dann das Pedal. Und dann der Filter". Oder indem man sie mit irgendwas aus dem Nichtakustischen vergleicht: "Ein Klangteppich". Während ich über einen lustigen Fehler eines Kollegen beim Beschreiben eines Bob-Dylan-Konzertes nachdenke, das ich selbst erlebt habe, höre ich die "Komposition" "Anode" von Otomo Yoshihide. Deren zentraler Gedanke, so der Künstler in seinen Liner Notes, seien die Anweisungen, die er den mit Percussions aller Art, Lärmgeräten, Plattenspieler ohne Platte, aber mit Kontaktmikro und verschiedenartig verstärkten Gitarren bewaffneten zwölf Musikern gegeben hat, bevor sie die drei grundverschiedenen Teile von "Anode" spielten. Bei allen Teilen galt die Regel: Nicht auf die anderen antworten! Nicht einen Weg von Anfang zum Ende gehen und keine populären Rhythmen oder Klischees aufgreifen. Als Nebenregel galt aber etwa im ersten Teil auch, dass man jede musikalische Aktion beginnen lassen musste, bevor die letzte verklungen war, im zweiten hingegen, nichts Neues anfangen durfte, bevor der letzte Ton verklungen war etc. Wegen dieser Anweisungen habe ich die CD gekauft, ich fand sie waren eine präzise Beschreibung der Musik, die ich hören würde. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Über Bob Dylan nun notierte besagter Kollege, er habe neulich sein musikalisches Ideal als "electronic grid" beschrieben. Dem fügte er hinzu, genauso hätten die drei Gitarristen der Dylan-Band auch geklungen, wie "elektronische Grütze". Allein Grid heißt nicht Grütze, Grit heißt Grütze. Grid ist dagegen ein Gitter-Raster, wie es amerikanischen Großstädten und vielen visuellen Kompositionen der Moderne zu Grunde liegt. Also Tippfehler oder falsche Übersetzung? Die drei Dylan-Gitarristen haben etwas gemacht, was selten ist, in der Rock-Musik, nämlich gleichzeitig Solo gespielt, sich nur selten der alten Arbeitsteilung gefügt, dass immer einer Rhythmus-Gitarre, also Akkorde, Griffe spielt und einer oder zwei andere Einzeltöne. Das ergab Überlagerungen, zuweilen spannenden Irrsinn, der gleichwohl nicht als irrsinnig auffiel, weil er im strengen Rahmen eines sehr Gruppensounds zur Aufführung kam.

Ist so Grütze? Eine Masse, die so dicht, homogen und indifferent ist, dass in ihr auch Abweichungen und Heterogenes nicht nur nicht auffallen, sondern noch zum Grützeneindruck beitragen? Oder war das ein Raster, das parallel nebeinander Herspielen der drei Gitarristen, durchkreuzt lediglich durch die Querstraßen des Basses und des Schlagzeugs? Wohl kaum. Gleichwohl eignet sich das Raster in all seiner Abstraktheit viel eher als Ideal denn die Grütze, die sozusagen am Gegenpol in besonders dicht materieller Konkretheit darauf wartet, nicht zu schmecken (von roter Grütze abgesehen). Dies wiederum könnte die besondere Pointe Dylans sein, der nicht nur am Gegenpol des Idealischen, feist im Zentrum schlabberigster Materialität ein Ideal erkennen will, sondern dies auch mit dem Wort (Grit) formuliert, das nur ein Morphem von dem tatsächlichen Ideal der abstrakten Moderne (Grid) entfernt ist. Wär ihm zuzutrauen, wo er bei diesem Konzert doch auch sonst allerlei konzeptuelle Überraschungen bereit hielt. Nicht nur Yoshihide, auch Dylan-Musik lässt sich nämlich über die Summe der Regeln beschreiben, die zur Anwendung kommen.

Während ich das schreibe muss ich allerdings kurz festhalten, dass "Anode 1" von Otomo Yoshihide, erschienen auf dem Album "Anode" (TZADIK Records) wirklich genau wie "Grütze" klingt, allerdings nicht wie "elektronische Grütze", sondern wie "elektroakustische Grütze". Das hat Dylan nicht gemeint. Jedoch: Wenn man andere bei ihren Fehlern beobachtet, macht man meistens selber welche: hat er wirklich "elektronische" Grütze geschrieben, nicht "elektrische"?

Nun aber zu Dylans Regeln: Seine Live-Band darf nie im Studio spielen. Bei bekannten Songs wird auch die bekannte Begleitung gespielt (vom Tempo und Akkordschema her), aber es wird etwas ganz Anderes gesungen (verrückte Metrik, andere Melodien, manchmal "zweite Stimme" zur als bekannt vorausgesetzten ersten). Schließlich wird die Mundharmonika nicht mehr in der vorletzten Strophe als vor Obertönen tropfender Soundeffekt gespielt, sondern bevor der Gesangsteil beginnt, und zwar präzise die bekannte Melodie, die man danach nicht mehr zu hören bekommt. All das ergibt keine konzeptuelle Grütze. Aber viel Elektrizität - buchstäblich wie metaphorisch.

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