Kultur : Mut ist käuflich

Die Berliner Festwochen stehen mutig zu ihrem neuen Kurs

Frederik Hanssen

Ja, lesen Sie sich die Werktitel ruhig laut vor: Ion, One, Inanna, Inori. Titel, die tönen – wenngleich auch die Namen der Verfasser für die wenigsten einen bekannten Klang haben. „Ion“ nennt Param Vir seine jüngste Oper, zu „Inanna“ hat Louis Andriessen die Musik geschrieben und „One“ ist eine Soundperformance von Michael van der Aa. Die drei Musiktheaterstücke werden bei den diesjährigen Festwochen ab 18.September als deutsche Erstaufführungen präsentiert, zusammen mit Karlheinz Stockhausens „Inori“ und einer ganzen Reihe exquisiter Kammermusikkonzerte. Eventcharakter hat lediglich das Gastspiel des St. Petersburger Mariinsky-Theaters: Aber auch die Russen kommen – auf Wunsch ihres Chefs Valery Gergiev – nicht mit Opernhits, sondern mit großen, ernsten Werken, Schostakowitschs „Lady Macbeth“, Prokofjews „Feurigem Engel“ und Tschaikowskis „Eugen Onegin“.

Nachdem Joachim Sartorius für sein erstes Jahr als Berliner Festwochen-Leiter mächtig Presse-Prügel einstecken musste, genauso wie seine künstlerischen Leiter André Hebbelinck (Musik) und Markus Luchsinger (Darstellende Kunst), nachdem die gesamte neue Programmstrategie vielfach in Frage gestellt worden war, kommen die Festwochen 2003 dem verschreckten Publikum kein bisschen konzilianter entgegen. Mit einem Mut, der beeindruckt, bleiben die Organisatoren ihrem Motto treu: Nicht die großen Namen des internationalen Musikbusiness wollen sie in die Stadt bringen (darum kümmern sich schon die Staatsopern-Festivals und die Konzertdirektion Adler), sondern Künstler, die hier zwar noch keiner kennt, von deren Qualität die Macher aber überzeugt sind.

Sein Ideal sei ein Festival, bei dem es ein Gesamtticket gebe – und Zuschauer, die damit grenzenlos neugierig zwischen den Genres wechseln, erklärte Luchsinger gestern bei einem Pressegespräch. Ein naiver Traum, weil nicht nur Veranstalter, sondern auch Besucher immer öfter das Risiko scheuen? Es liegt an den Berlinern selber, ob sie bereit sind, das Angebot anzunehmen. Ein Blick auf die Web-Site www.festwochen.de könnte der erste Schritt sein.

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