Kultur : Mut zur Wehmut

Musik war für ihn eine heilige Kunst: Zum Tod des Dirigenten Carlo Maria Giulini

Sybill Mahlke

Alles begann mit Mozart und Beethoven. Der künstlerische Weg Carlo Maria Giulinis nahm seinen Ausgang von der deutschen Musik. Dass in ihr alles enthalten sei, was Musik ausmache – diese Überzeugung bestimmte die Karriere des Dirigenten von Anfang an.

Am 9. Mai 1914 in Barletta geboren, wächst Giulini in Bozen auf. Früh schon lernt er dort Werke von Mozart und Beethoven kennen. Die Giulinis gehören zu den ersten italienischen Familien, die sich in Südtirol niederlassen. Er spielt Geige, bevor er ab 1930 in Rom am Konservatorium Bratsche und Komposition studiert. An der Accademia Nazionale kommt das Dirigieren hinzu, während er bereits als Bratschist im Teatro Augusteo wirkt. Er empfindet es später als den schönsten Moment in seinem musikalischen Leben, damals das Probespiel für die zwölfte Bratsche in diesem Orchester gewonnen zu haben. Nun lernt er die italienische Musik genauer kennen. Die Lebensstationen schließen Kriegsdienst und Rückzug in den Untergrund ein, bis Rom von den Alliierten befreit wird. Bei einem Festkonzert zu Ehren dieses Ereignisses gibt Giulini sein Debüt am Pult.

Er dirigiert beim Rundfunk und an der Scala. In den Siebzigern leitet er die Wiener Symphoniker, 1978 wechselt er als Chef des Philharmonischen Orchesters nach Los Angeles, 1984 gibt er den Posten auf. Nach Machtpositionen hat er sich nie gedrängt. Obwohl er sich mit Verdis „La Traviata“ in Bergamo, „Falstaff“ in Edinburgh, „Don Carlos“ und „Troubadour“ in London über Rom und Mailand hinaus als Operndirigent einen Namen gemacht hat – nicht zuletzt mit Filmregisseuren wie Visconti und Zeffirelli –, rückt er vom Musiktheater immer mehr ab. Sein inständiger Respekt vor der Partitur will sich mit der szenischen Realisierung nicht länger vertragen. So beschert ihm seine Affinität zu geistlicher Musik, zu Beethoven, Brahms und Bruckner den Spitznamen „San Carlo of the Symphony“. Ein Name, der auch seine Haltung kennzeichnet, sich jeglichem Personenkult zu entziehen, weil er sich als Diener großer Meister versteht. Das Publikum verehrt ihn dafür. Das Hofmannsthal-Wort, dass Musik eine heilige Kunst sei, passt auf den Interpreten Giulini genau.

Sein Wirken ist das des Traditionalisten. Mit dem Alter wächst seine Tendenz zur Ruhe, zu wehmütiger Erhabenheit. Aus seiner Herkunft vom Instrument erklärt sich die Besonderheit, dass ihn die Aura eines höheren Laienmusikers nie ganz verlässt, ob er nun mit Ekstase das Große Tor von Kiew erreicht oder die Missa solemnis ausmusiziert. „Ich bin kein Dirigent, sondern ein Musiker, der mit anderen Musikern Musik macht.“

In Berlin sieht ihn das Philharmonische Orchester als regelmäßigen Gast. 1985 benennt Herbert von Karajan den 71-Jährigen als seinen „idealen Nachfolger“. Ein Angebot, das Giulini „überwältigt“ ablehnt. Später steht er mehrmals am Pult der Staatskapelle. Langsam, fast gebetshaft interpretiert er schließlich die Partituren, auf einer sympathischen Mitte zwischen Eigenständigkeit und Werktreue. Bei der Wiedergabetemperatur des Symphonikers Brahms orientiert er sich zunehmend an dessen Requiem, während ihm Schubert zum Naturereignis gerät. Als er 1988 bei Brahms’ c-Moll-Symphonie für Karajan einspringt, konzentriert er sich ganz auf den „Per aspera ad astra“-Aspekt des Werkes, den ernsten Zugang: ein überwältigender Abend. Es war seine Sternstunde in Berlin und engste Berührung mit den Philharmonikern. Die ungebrochene Popularität klassischer Musik erklärte der Maestro sich damit, „dass der Mensch nach einem Halt sucht“.

Gestern ist Carlo Maria Giulini mit 91 Jahren in Brescia nach schwerer Krankheit gestorben. Heute soll er in der Familiengruft in Bozen beigesetzt werden.

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