Kultur : Mutter Courage gibt niemals auf

CHRISTOPH FUNKE

SIE PAßT IN KEIN KLISCHEE .Sie war immer anders als erwartet: Gisela May, die Schauspielerin und Diseuse.Nach den ersten tastenden Versuchen als Schauspielerin und Soubrette galt für sie: Theater ist eine ernsthafte Sache.Auf Jungmädchen-Lieblichkeit war Gisela May deshalb nie aus.Sie hatte Lust auf die schwierigen Charaktere.Sie wollte Frauen zeigen, die sich durchzubeißen hatten.Nicht um die sture Kämpferin ging es ihr dabei und nicht um die stille Dulderin, sondern um die trotz allem tapfer und humorvoll Überlegene.Solche Rollen finden und spielen zu dürfen, ist Gisela May nicht einfach gemacht worden.Sie mußte Kompromisse eingehen, zurückstecken, anfangs auch in Zweitbesetzungen einsteigen.Aber sie blieb sich treu.

Heute vor 75 Jahren in Wetzlar geboren, kam Gisela May als Kind nach Leipzig, wuchs dort in einer Theaterfamilie auf, erhielt eine Ausbildung an der Schauspielschule und begann 1942 am Komödienhaus in Dresden.Nach Danzig, Görlitz, Leipzig, Schwerin und Halle kam Gisela May 1951 zum Deutschen Theater nach Berlin.Wolfgang Langhoff wurde für sie zum "idealen Regisseur": "Wie er Schauspieler an den Stoff heranführte, die Phantasie durch eine Fülle von Assoziationen zu Figuren und Vorgängen freisetzte, war eine unglaublich bereichernde Erfahrung." Gisela May spielte die Minna von Barnhelm, die Eboli, die Regan, die Marie in "Woyzeck", hatte Partner wie Inge Keller, Fred Düren, Willy A.Kleinau.Bei einer Brecht-Matinee entdeckte sie Hanns Eisler, und legte damit den Grundstein für die zweite Karriere der Schauspielerin, als Sängerin und Diseuse.

Zunächst aber bahnte ihr der Erfolg mit der Interpretation von Brecht-Liedern den Weg ins Berliner Ensemble.Gisela May wollte auch die Rollen zu den Songs spielen.Ihren größten Erfolg hatte sie dabei mit der Kelch-Wirtin Kopecka aus "Schweyk im zweiten Weltkrieg".Es gab mehr als 700 Vorstellungen in 20 Jahren, die Titelrolle spielte Martin Flörchinger, auch der damals blutjunge Alexander Lang war zur Premiere 1962 dabei.Andere wichtige Aufgaben, darunter die Witwe Cabet in den "Tagen der Commune", die Celia Peachum in der "Dreigroschenoper" führten dann zur Erfüllung einer Sehnsucht.1978 durfte Gisela May die "Mutter Courage" spielen, in einer Inszenierung von Peter Kupke, die dem erdrückenden Vorbild der legendären Brecht-Engel-Weigel-Aufführung standzuhalten versuchte.Und Gisela May gelang es, eine neue Farbe ins Spiel zu bringen, sie zeigte eine begehrenswerte und erotisch begehrliche Courage.Im April 1992 gab sie die letzte Vorstellung, vor einem bis zu Tränen gerührten Publikum.Gisela May wurde danach im Berliner Ensemble nicht mehr gebraucht."Das war mehr als eine Kränkung", sagt die Schauspielerin."Ich konnte es nicht begreifen, Brecht und das Berliner Ensemble bildeten für mich seit Jahrzehnten das Zentrum meiner Arbeit.Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, ich konnte es nicht glauben." Glücklicherweise halfen neue Aufgaben am Berliner Renaissance-Theater aus diesem Absturz heraus.

Aber: Wem man da am Berliner Ensemble den Abschied gegeben hatte, war eine in ganz Europa, in Australien und in den USA gefeierte Schauspielerin und Diseuse.Die Lied-Interpretationen der May sind einzigartig, weil sie über die singende Figur Geschichten erzählt."Die" May, wie Paul Dessau die Song-Interpretin immer bezeichnet wissen wollte, singt ja nicht schön, sie singt richtig."Ich komme von den Inhalten her und versuche inhaltlich zu gestalten", sagt die Schauspielerin."Das Brustaufreißen" allerdings, so fügt sie hinzu, "liegt mir nicht".Aggressivität und Schmelz setzt Gisela May ein, radikale Nüchternheit und vibrierendes Gefühl, sie ist heiß und kalt - und legt über alles mehr als nur einen Hauch Ironie.

So singt Gisela May von Antwerpen bis Washington, man holt sie als Dozentin zu Workshops und Meisterkursen.Die pädagogische Arbeit empfindet sie als "wunderbar - ich bin immer in Kontakt mit jungen Menschen." Ihre Aufgabe sieht sie darin, diesen Begabten am Anfang ihrer Karriere zu helfen, "wahrhaftig und glaubhaft" zu werden, und sie gibt ihnen auch Nachhilfe: "Sie wissen fast nichts mehr" - über geschichtliche, über theaterpolitische Vorgänge.Für die rastlos Tätige ist der 75.Geburtstag unheimlich: "Man glaubt es nicht." Sie macht weiter, sie versucht, Zukunft und Vergangenheit in Einklang zu bringen, ihre romantische Ader zu kontrollieren.Was sie geleistet hat, ist von staunenswerter Vielfalt.Kein Ruhestand also, sondern Neugier, Erwartung auf Kommendes.

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