Kultur : Mutter, Hexe, Malerin

Pionierarbeit: Eine Schau in der Liebermann-Villa würdigt die Frauen der Berliner Secession.

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Klarer Blick. Sabine Lepsius malt Johanna Springer, 1904. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin
Klarer Blick. Sabine Lepsius malt Johanna Springer, 1904. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Prüfend schaut die junge Künstlerin auf ihr Werk. Die Farbpalette in der einen Hand, den Pinsel in der anderen, porträtiert sich Sabine Graef vor Bronzegrund. In ihrem Selbstbildnis verbinden sich Optimismus und Realitätssinn. Noch ist unklar, ob im Leben der damals 22-Jährigen die große Vision oder die Nüchternheit siegen wird. Sie gehört zu den ersten weiblichen Mitgliedern der 1898 gegründeten Berliner Secession, die als erste Künstlervereinigung auch Malerinnen aufnahm. Neben Sabine Graef fanden acht weitere Künstlerinnen Zutritt.

Es passt, dass die Ausstellung „Frauen der Secession“ in Liebermanns Villa am Wannsee zu sehen ist; der große Impressionist öffnete als Präsident der Vereinigung schon früh den Künstlerinnen die Pforten. An seinem Sommersitz sind nun Dora Hitz, Sabine Lepsius, Charlotte Berend und Clara Siewert zu Gast. Im verdunkelten Kabinett hängen zudem exquisite Grafiken von Käthe Kollwitz. Die fünf Biografien führen Lebensentwürfe von Künstlerinnen vor, die auf kein Rollenbild zurückgreifen konnten. Über sie lernt der Besucher die Secession aus der Außenseiterperspektive kennen. Zwar verstand sich die Künstlervereinigung als Abspaltung vom akademischen Betrieb eines Anton von Werner. Aus Sicht ihrer weiblichen Mitglieder aber etablierte sich bald ein neuer Klüngel um den mächtigen Kunsthändler Paul Cassirer.

„Perversion und Impotenz“ prophezeite der Publizist Karl Scheffler noch 1908 den Frauen, die sich der Kunst widmeten. Der eigentliche Preis aber, den sie für ihre Karriere bezahlten, bestand in beschwerlichen Umwegen. Am direktesten gelangte Käthe Kollwitz zum Erfolg – erst von ihrem Vater, dann von ihrem Ehemann unterstützt. Ein samtig weicher Rückenakt zeigt in dieser lebensfrohen Ausstellung die sinnliche Seite von Käthe Kollwitz. Später gehörte sie zum Vorstand der Secession und galt als Instanz in der Berliner Künstlerszene.

Dora Hitz nahm den Umweg über das Ausland. In Nürnberg geboren, stellte sie früh in München aus, wo die spätere Königin von Rumänien auf sie aufmerksam wurde. Vier Jahre arbeitete sie am Hof in Bukarest und ging dann nach Paris. Dort machte sie sich einen Namen, ehe Liebermann und Leistikow sie in die Gruppe der XI einluden, die der Secession voranging. Ihren Lebensunterhalt verdiente Dora Hitz mit einer Malschule am Lützowplatz. Im Gemälde „Weinernte“ von 1910 flackert ihre Malerei bereits in der heftigen Energie des Expressionismus. Aber nach dem Krieg verkaufte die Künstlerin nichts mehr. Sie starb in bitterer Armut.

Die Figur der Hexe wurde zu Clara Siewerts Alter Ego. In einem Zyklus schildert sie das Schicksal einer Frau, die vom Mob gesteinigt wird. Beeinflusst von Munch und Rodin, taucht ihre Malerei wie aus dem Unterbewussten auf. Clara Siewert wurde ihr Austritt aus der Secession zum Verhängnis, sie geriet in Vergessenheit.

Charlotte Berend-Corinth dagegen blieb mit ihrem Mann Lovis der Secession auch dann noch treu, als sich die Vereinigung 1913 spaltete und Liebermann die Freie Secession gründete. Von ihrem Gemälde „Die schwere Stunde“ (1908) zeigt die Ausstellung eine Studie. In Erinnerung an die Geburt ihres Sohnes, bei der sie beinahe ums Leben gekommen wäre, malt sie eine Frau, die sich unter den Wehen krümmt. Geburt, Vergewaltigung, Krankheit, Tod – in ihren Themen umkreisen die fünf Künstlerinnen existenzielle Erfahrungen.

„Der einzige Luxus, den ich mir leiste, bist du“, schrieb Sabine Lepsius mit 44 Jahren an ihren Mann Reinhold. Vor der Heirat hatte sie einen Handel mit dem Sohn des Berliner Ägyptologen abgeschlossen. Sie versprach, für den Unterhalt der Familie zu sorgen und sich um die Kinder zu kümmern. Für Reinhold Lepsius war die Ehe eine Befreiung. Sabine Lepsius, geborene Graef aber, die sich mit 22 Jahren als souveräne Künstlerin porträtiert hatte, musste mit lieblichen Kinderporträts Zugeständnisse an ihre Kunden machen. Eine Skizze der eigenen Tochter beweist den klaren Blick und die seidige Qualität ihrer Malerei. Sabine Lepsius hielt ihr Versprechen: Mit ihrer Kunst ernährte sie eine sechsköpfige Familie. Auf dem Umweg der Kommerzialität konnte sie Kinder und Talent verbinden. Am Ende aber resümierte sie bitter: „Ich war nur zum Geldverdienen auf der Welt. Schade um meine Gaben.“ Simone Reber

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3, bis 4. 3.; Mi bis Mo 11 – 17 Uhr

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