Mythos antifaschistische DDR : Großes Herz für kleine Nazis

Warum sich die deutsche Geschichte nicht für Gesten moralischer Überheblichkeit eignet - weder im Westen, noch im Osten.

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Staat der Antifaschisten? Fackel- und Fahnenzug in der DDR.
Staat der Antifaschisten? Fackel- und Fahnenzug in der DDR.Foto: dpa

Aus den Trümmern der Legende vom Auswärtigen Amt als Hort wenn auch nicht wirklich guter, so doch etwas besserer Menschen in einer bösen Welt steigt ein anderer Mythos wieder auf: der vom wenn auch nicht wirklich guten, so doch etwas besseren Nachkriegsdeutschland, der Mythos von der nazifreien Zone, der antifaschistischen DDR. So beschreibt zum Beispiel Andreas Förster in der "Berliner Zeitung", wie die wachsame Stasi „bereits in den 70er Jahren die NS-Verstrickung des Auswärtigen Amts“ untersuchte, und Kerstin Decker möchte in der "taz" „die alten Antifaschisten in der DDR“, die keiner mehr ernst genommen habe und über die irgendwann sogar gelacht worden sei, vielleicht doch rehabilitieren. Auf Leserbriefseiten und in Online-Foren wird angesichts der Veröffentlichung der neuen Studie über das Auswärtige Amt beklagt, wie ungerecht im Vergleich zu den Westkarrieren alter Nazis doch nach der Vereinigung frühere DDR-Funktionäre behandelt worden seien.

Richtig und seit langem bekannt ist, dass Nazis im Westen erstaunliche Karrieren machten. Adenauers Staatssekretär Globke war bei Hitler Kommentator der Rassengesetze, Vertriebenenminister Oberländer einst Obersturmbannführer der SA, Friedrich Karl Vialon, erst hoher Beamter im Kanzleramt, später Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium, hatte als Leiter der Finanzabteilung im Reichskommissariat für das Ostland Juden als Arbeitskräfte vermietet. Auch später noch schafften es frühere Mitglieder der NSDAP in hohe Ämter: Hans Filbinger, als Nazi-Ankläger und Marinerichter an Todesurteilen beteiligt, wurde ebenso Ministerpräsident wie Helmut Lemke, der für die Nazis als Bürgermeister in Eckernförde dazu aufgerufen hatte, „die Hammerschläge des Dritten Reiches auszuführen“ und sogleich Sozialdemokraten ans Messer lieferte.

Der Sozialdemokrat Egon Bahr, einst Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt, erklärte dieser Tage, aufgeschreckt von der „Enttäuschung“ Frank-Walter Steinmeiers über die Zusammenarbeit des damaligen Außenministers Willy Brandt mit früheren Nazis im Diplomatischen Dienst, die erste Große Koalition von Union und SPD von 1966 bis 1969 mit dem langjährigen NSDAP-Mitglied und Rundfunk-Agitator Kurt-Georg Kiesinger an der Spitze zu einer „Regierung der Versöhnung“. Ein wagemutiger Versuch der Geschichtsumdeutung. Aber genau so hatte im vergangenen Jahr auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck seine Koalition mit der Linkspartei begründet.

Die DDR hatte als Staat keinen Holocaust zu verantworten. Zur Wahrheit gehört aber, dass sie auf den Verbrechen Stalins gebaut war. Wie in jedem totalitären System herrschte dort – neben der Regierung mit ihren „Organen“ – die Angst vor Denunziation. Diese machte sich die DDR bei der Rekrutierung alter Nazis zunutze, denn ganz auf sie verzichten konnte man beim Aufbau des zerstörten Landes auch im Osten nicht. Die „Entnazifizierung“ wurde hier offiziell bereits 1948 für beendet erklärt. Frühere NSDAP-Mitglieder sollten, soweit sie nicht schwerer Verbrechen beschuldigt wurden, die Chance erhalten, „an der Sicherung der Einheit und der demokratischen Entwicklung Deutschlands ehrlich mitzuarbeiten“. Es wurde ihnen sogar eine Partei gegründet, die NDPD; aber auch in der SED fanden viele alte Nazis eine neue politische Heimat, mancherorts sogar in höherer Zahl als im Durchschnitt des Landes, wie eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der Universität Jena zeigt. Die frühere NSDAP-Mitgliedschaft war ein Faustpfand des Staates für beflissenes Mitläufertum.

Die DDR hatte also ein großes Herz für kleine Nazis. Etliche davon schafften es auch ganz nach oben. Olaf Kappelt hat in seinem „Braunbuch DDR“ hunderte solcher Karrieren nachgewiesen. Mitglieder des Zentralkomitees waren darunter, auch Minister wie Hans Bentzien, zuständig für Kultur. Kurt Nier, von 1973 bis 1989 Vize-Außenminister, und Herbert Weisz, von 1967 bis 1989 Vize des Ministerrats, waren, wie so viele, noch kurz vor Kriegsende als Jugendliche in die NSDAP aufgenommen worden. Arno von Lenski hingegen, seit Mitte der fünfziger Jahre mit dem Aufbau der Panzertruppen der Nationalen Volksarmee befasst, 1968 ausgezeichnet mit dem Kampforden für Verdienste um Volk und Vaterland in Gold, war unter Hitler von 1939 bis 1942 einer von Freislers willigen Helfern am Volksgerichtshof. Vincenz Müller, der schon Hitler als Generalmajor diente, tat das Gleiche später für Ulbricht. Ernst Großmann, Begründer der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der DDR, fünf Jahre Mitglied im Zentralkomitee der SED, ausgezeichnet als „Held der Arbeit“, war in seinem vorherigen Leben Angehöriger der 5. SS-Totenkopf-Standarte im Konzentrationslager Sachsenhausen. Ärzte, die in der Nazi-Zeit Behinderte getötet hatten, Wissenschaftler, Juristen, Journalisten, die einst das Hakenkreuz im Herzen hatten, beschworen später die internationale Solidarität.

Manche landeten auch beim Ministerium für Staatssicherheit, zuständig nicht nur dafür, die eigenen Bürger einzuschüchtern, sondern auch, die Geschichte von der Bundesrepublik als Nazi-Nachfolgestaat aufrechtzuerhalten. Eigener Mittel hätte es dazu zwar kaum bedurft, aber zur Sicherheit ließ die Stasi im Westen immer mal wieder antisemitische Aktionen inszenieren und gefälschte Unterlagen zwecks vermeintlicher Nazi-Beweise lancieren. Als Kontrastprogramm unterstützte die Stasi den internationalen Terror gegen Israel und ließ im eigenen Land ungerührt die aufkommende Neonazibewegung gewähren, weil diese ja gerne gegen DDR-Oppositionelle loszog.

Die deutsche Geschichte, sie eignet sich nicht für Gesten moralischer Überheblichkeit, nicht vor ’45, nicht danach, nicht nach 1990, nicht im Westen, nicht im Osten.

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