Mythos im Museum : Drama im Panorama

Das neue Bild der Antike: Die Pergamon-Schau auf der Museumsinsel gewährt einen Einblick in eine längst vergangene Zeit.

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So haben Sie den Pergamonaltar noch nie gesehen. Es ist eine Rekonstruktion, wie ihn der Künstler Yadegar Asisi auf der Basis eigener Fotos vor Ort und der Erkenntnisse der Wissenschaftler der Berliner Antikensammlung in seinem Panorama auf der Museumsinsel geschaffen hat. Auf 103 Meter Länge bei einem Durchmesser von 34 Metern und einer Bildhöhe von 24 Metern entwirft Asisi ein atemberaubendes Panorama der antiken Metropole im Jahr 129 nach Christus.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
29.09.2011 15:59So haben Sie den Pergamonaltar noch nie gesehen. Es ist eine Rekonstruktion, wie ihn der Künstler Yadegar Asisi auf der Basis...

Der Boden unter den Füßen schwankt leicht, wenn man oben auf der Aussichtsplattform steht, im Panorama-Rundbau vor dem Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel. Es ist wichtig, sich zu vergewissern, wo man sich befindet – denn hier, in dieser neuen Ausstellung über eine antike Polis, einen blühenden Stadtstaat, seine Kunstsammlungen und Kulturpolitik, verschieben sich die Maßstäbe. Das Bild von Pergamon ist nachher nicht mehr so, wie man es zu kennen glaubte.

Die Museumsinsel ist das Zentrum der Berliner Kulturlandschaft, und der Pergamonaltar darf als ihr Herzstück gelten. Pergamon, das war vor allem immer der Altar, Pars pro Toto. Pergamon war und ist Mythos, ein sehr deutscher übrigens. Das Wilhelminische Reich, noch jung und gierig nach Gründungsgeschichten, schmückte sich mächtig mit den Ausgrabungserfolgen des Ingenieurs Carl Humann, der zwischen 1878 und 1886 in der heutigen Türkei die Hauptstadt der Pergamener freilegte. Für die Funde wurde ein eigenes Museum in Berlin gebaut, so stolz war man auf die Entdeckung, die gewaltiges Prestige einbrachte gegenüber den Engländern und Franzosen, den europäischen Erzfeinden. Es sind nur noch wenige Jahre bis zum Ersten Weltkrieg.

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Pergamon Panorama
Pergamon Panorama

Dieses Gefühl des Schwankens hat mit dem Aufstieg im Panorama-Zylinder zu tun, auf fünfzehn Meter Höhe. Die Bildfläche selbst ist 24 Meter hoch und misst im Umfang über hundert Meter. Yadegar Asisi nennt sich Panoramakünstler, er hat die Spektakeltechnik des 19. Jahrhunderts in 21. Jahrhundert transferiert. Der Effekt ist überwältigend. Die Landschaftsaufnahmen in Bergama, wie der Ort heute heißt, sind gesampelt mit der Ansicht des antiken Burgbergs und der Unterstadt, jeder Baum hat sein Eigenleben. Die Lichteffekte wirken berauschend, hier spielt jemand Gott. Der Blick reicht bis ans 30 Kilometer entfernte Meer. Zu der fraglichen Zeit lebten an die 80 000 Menschen in Pergamon. Asisi hat sein Illusionswerk auf wissenschaftliche Darstellungen gegründet, aber es ist auch viel leichthändige Fantasie im Spiel, vor allem wie er die Plätze, Grünstreifen, Gebäude mit Menschen bevölkert. Das erinnert an Toga- und Sandalenfilme – und daran, dass es stets ein Bild ist, das wir uns von der Antike machen, mit den jeweils vorhandenen technischen Möglichkeiten und nach den ideologischen Bedürfnissen.

Asisi zeigt ein Pergamon, wie es sich Anno Domini 129 dem Betrachter sehr wahrscheinlich dargeboten hat. Als Reichsgründer gilt Philetairos, der Sohn eines Makedonen, er lebte von 343 bis 263 vor Christus. Also ist in der Ausstellung „Pergamon – Panorama der antiken Metropole“ ein Zeitraum von bald 500 Jahren erfasst, und schon davor war der Ort besiedelt, der sich später zu einem zweiten Athen, einer Konkurrentin von Alexandria aufschwingen sollte. Vor der Entdeckung des Pergamonaltars, der aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammt, galt diese Phase als wenig interessant und eher minderwertig im Vergleich zur athenischen Klassik.

Ein Blick auf Pergamon
Theater der Geschichte. Panoramablick 2010 auf die Ruinenstätte von Bergama. Ab Freitag ist die Ausstellung für das Publikum geöffnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: © Asisi
27.09.2011 14:31Theater der Geschichte. Panoramablick 2010 auf die Ruinenstätte von Bergama. Ab Freitag ist die Ausstellung für das Publikum...

Was da schwankt, hat mit der Konstruktion des Panoramaturms zu tun – aber mehr noch ist es die sinnliche, intellektuelle Faszination, das Haptische des 360-Grad-Blicks, der unterhalb des Burgbergs auf den Tempel stößt, mit dem Altar. Aber was für ein Schreck! Die Götter und Giganten auf dem Fries sind bunt bemalt, sie waren ja nie monochrom und „klassisch“ weiß. Keine neue Erkenntnis, aber es wird immer wieder verdrängt.

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