Kultur : Nach dem Fall der Götter

KNUT EBELING

Die Malerei ist eine Hure, und um damit fertigzuwerden, sagt man es ihr besser ins Gesicht.Also schreibt der Maler an einem prominenten Ort, etwa auf dem Fenster einer Galerie in der Auguststraße, die selbst so etwas ist wie der Strich des Berliner Kunstbetriebes: Der einzige Daseinsgrund seines Bildes sei nicht das Werk, sondern die Leinwand; sie sei seinem Vorhaben so unangemessen, daß er es verwerfen müsse: "The canvas is so bad, I hardly could do it - it is so bad, that it kills my motivation." Nach diesem Eingeständnis, das Nedko Solakov bei Arndt & Partner auf der Scheibe hinterläßt, ist die Malerei nur noch ein bekleckstes, unmündiges Mädchen: leicht lächerlich und dem Spruch des Malers ausgeliefert.

Es ist die Geste der malerischen Willkür, die die "silly-series" von Nedko Solakov bestimmt.Kein Bild, keine Collage, keine Zeichnung des Exil-Bulgaren kommt ohne Beschriftung aus.Dabei sieht jede Arbeit völlig verschieden aus.Solakov ist keinem Stil und auch keinem Konzept zuzuordnen.Seine postkonzeptuelle Kunst ist jenseits von allem.In einem Bild zitiert er kitschige Postkartenmotive, in einem anderen die spirituelle Reliquienmalerei.Solakov ist von allen guten Geistern verlassen.In der heillosen Situation des Malers jenseits von Bildbedarf und Dogmenglaube bleibt ihm noch die Möglichkeit, selbst den beseelenden Geist des Gemäldes zu spielen.Die Stimme des Malers ersetzt den Stil der Malerei.

Solakovs Stimme, die beständig hinter den unwahrscheinlichsten Motiven auftaucht, ist das einzig Verbindende in der Heterogenität der Werkreihe.Sie erzählt von Flaschengeistern, Weingläsern und Heiligengeschichten.Fast immer geht es um eine gute oder schlechte Nachricht.Einmal erzählt der Maler auf der Leinwand, wie seine Beine zu Pferdebeinen wurden - bis man sich fragt, was das ganze soll und ahnt, daß diese Frage die Frage nach der Malerei heute ist.

Solakovs Kunst ging als Ausdruck einer postideologischen Welt um den Globus.Sie wurde in Philadelphia unter dem Motto "Beyond Belief" ausgestellt und lief in Berlin als "postkonzeptuelle Malerei".Solakov vergreift sich an Versatzstücken von allerlei zerfallenen Reichen: Religion, Ideologie oder Kunstdiskurs.Obwohl das Politische in seiner Kunst weitgehend ausgeklammert bleibt, ist es in der Stimmung der monströsen Willkür und zynischen Hinfälligkeit enthalten, die sein Werk umgibt.Alles ist heute bestimmbar.Die Welt ist nach dem Fall der Götter setzbar geworden.

Doch anders als bei Ilya Kabakov, der wie Solakov im westlichen Kunstbetrieb zu Ruhm und Ansehen gelangte und seine Werkreihen ebenfalls mit Kommentaren versieht, ist die gute Seele bei Solakov aus der Stimme des Erzählers gewichen.Wir vernehmen einen deus ex machina, der sich selbst nicht mehr traut.Nicht nur die Malerei ist unglaubwürdig geworden, auch der Diskurs über ihre Hinfälligkeit.Nachdem der Begriff nach Hegelschem Diktum das Bild überflügelte, stolpert er bei Solakov über sich selbst.Nachdem die Zeit der Meisterschaft in der Malerei vorbei ist, vergeht auch die meisterhafte Rede über sie.

Plötzlich fragt man sich, ob es sich bei dem Diskursgeglitter nicht um drittklassige Kunst handelt.Aber nein, nicht nur die Hinfälligkeit des Tafelbildes ist symptomatisch, die lustlos in ihren eigenen Versatzstücken herumstochernde Rede über die mißliche Situation ist es ebenfalls.Nicht nur die Malerei ist eine Wüste, auch die Fata Morganen der Rede über Malerei sind eine Ödnis.Eine selbstironische und destruktive Stimmung breitet sich aus.Wer sie überlebt, ist ein Künstler.Oder eine Hure.

Galerie Arndt & Partner, Auguststraße 35, bis 14.November; Dienstag bis Sonnabend 14-18 Uhr.

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