Kultur : Nach dem Terroranschlag: Der schwarze September

Harald Martenstein

Heute steht auf dieser Seite nur ein einziger Text. Das ist keine Panne. Was soll man an diesem Tag auf einer Seite schreiben, über der "Kultur" steht, worüber sollte man berichten, was wäre wichtig, welcher aufregende Film, welches schöne Konzert, welche Glosse?

Es ist nur Platz für einen einzigen Text.

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Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Der 11. September 2001, gestern, ist ein Tag gewesen, der unsere Kultur verändert hat - die Art, wie wir die Welt sehen, die uns umgibt, unser Gefühl dafür, was möglich ist und was unmöglich, unser Gespür für die Grenze zwischen Realität und Phantasie. Es ist der erste schwarze Tag des neuen Jahrtausends. Die Worte, die einem einfallen, das Wort vom Kulturbruch, von der Epochenwende womöglich, all das mag man nicht wirklich schreiben, weil in diesen Worten ein Unterton mitschwingt, ein aufgeregter Superlativ, den man nicht hören möchte.

Manhattan brennt. Es ist nicht Pearl Harbour, es ist Manhattan. Es ist kein Außenposten, es ist das Herz. Und es geht sehr wahrscheinlich nicht um den überraschenden Angriff eines Staates auf den anderen, wie es ihn in der Geschichte oft gegeben hat, es ist ein Schlag aus dem Dunkel. Der Krieg steht im Begriff, sich zu entstaatlichen. Der Krieg privatisiert sich, auch er ist offenbar ein globalisiertes Unternehmen geworden, schwer zu fassen, aber omnipräsent.

Im Krieg der Staaten gegeneinander hat man im 20. Jahrhundert oft genug alle Regeln und Rituale brutal über den Haufen geworfen, am Ende des Jahrhunderts kamen einem die regulären Kriegserklärungen, die einst üblich waren, fast schon wie ein zivilisierter Akt vor. Aber es gab doch wenigstens eine gemeinsame Sprache, die man sogar im 20. Jahrhundert meistens sprach. Es war die Sprache des Kalküls. Noch der größenwahnsinnigste Diktator versucht zu taktieren, er weicht zurück, um seine Macht und seinen Kopf zu retten, wenn es irgendwie geht. Selbstmord, verbrannte Erde, die Offensive der Kamikazeflieger, so etwas war immer der letzte Schritt, wenn nichts mehr ging, der Versuch, die eigene Sache, wenn sie schon verloren war, dann wenigstens mit etwas enden zu lassen, das man für Heroismus hielt. Wir dachten: So fängt ein Krieg nicht an, nicht mit der Zerstörung von Symbolen wie dem World Trade Center, nicht atavistisch wie eine Stammesfehde, nicht mit dem blinden Abschlachten. Sogar das blutrünstigste Regime steigert sich in solche Taten erst allmählich hinein. Wir dachten: Kriege werden aus Interessen heraus geführt. Sie haben, so verwerflich sie sind, doch einen rationalen Kern. Im Wahnsinn kann ein Krieg höchstens aufhören.

Welches "wir" spricht hier? Es ist natürlich ein "wir" aus der westlichen Welt. Unsere westliche Kultur. New York ist unsere Stadt. Als man im Fernsehen die Freudentänze der Palästinenser sah, diese Freude über einen Massenmord, spürte man den Riss, der durch die Welt geht. Wie naiv waren viele von uns doch gewesen, nach dem Ende des großen Bürgerkrieges, die Weltkriege, die beiden Systeme, der Kalte Krieg, alles vorbei - jetzt sollte endlich, mit 200 Jahren Verspätung, ein Zeitalter der Vernunft beginnen.

Stattdessen ist die Angst zurückgekehrt, und stärker denn je. Wer das tut, der wirft wahrscheinlich auch Atombomben. Und wer das tun kann, der hat wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft auch die Mittel, Atombomben zu werfen. Er lässt nicht mit sich verhandeln, wie einst die Supermächte miteinander verhandelt haben, er hält keine Abkommen ein, mit herkömmlichen Mitteln läßt er sich nicht einmal besiegen. Alles ist möglich, auch, dass wir uns als Gattung auslöschen: Jetzt wissen wir es wieder.

Als die ersten Bilder im Fernsehen zu sehen waren, fielen uns Filme ein, viele Filme der letzten Jahre, in denen ähnliche Bilder zu sehen waren. Ja, auch das glaubten wir, zu wissen: die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist durchlässig geworden, in beide Richtungen. Aber dann spürte man doch, wie falsch diese Idee ist. Nein, die Realität ist die Realität geblieben, denn ein Alptraum geht vorbei, aber der Tod bleibt. Und er riecht immer noch genauso wie vor fünfhundert Jahren.

Warum klingt dieser Text so kühl? Warum spricht der Autor so leise, warum schreit er nicht? Weil Rationalität das ist, was unsere Kultur dem Fanatismus entgegensetzen kann, unsere schärfste Waffe. Die Vernunft macht uns nicht schwach, sie macht uns stark. Seit dem Mittelalter hat die Vernunft schon so viele Schlachten gegen den Fanatismus geführt, der in immer neuen Kostümen auftritt, manchmal sogar im Kostüm der Vernunft selbst, und am Ende hat die Vernunft meistens gewonnen - die Hexenprozesse wurden abgeschafft, Robespierre wurde verjagt, den Kolonialismus haben die Völker besiegt. Auch jetzt müssen wir kühl bleiben und uns an unsere Prinzipien erinnern, gute alte Freunde, die wir an anderen Tagen nur noch ironisch zitieren, an Liberalität, an den Rechtsstaat, an Toleranz. Diese fehlbare, mangelhafte, angreifbare westliche Kultur, deren Hauptstadt New York heißt. Wenn wir diese Prinzipien verraten, haben die Fanatiker gewonnen.

In Berlin sind gestern abend die meisten Kulturveranstaltungen abgesagt worden. Die Öffnung des Jüdischen Museum für das Publikum wurde verschoben. Die Stadt schweigt. Soll auch die Zeitung schweigen? Einige unserer Kollegen waren dieser Ansicht - berichten wir über die Ereignisse, sagten sie, aber versuchen wir nicht sofort wieder, sie einzuordnen, uns Gedanken zu machen, zu analysieren, lassen wir die Maschine des üblichen Betriebs einmal stillstehen. Ja, dieser Wunsch ist gut zu verstehen. Aber wir sind Journalisten. Wir müssen reden, auch wenn wir manchmal lieber schweigen möchten. Und wollten die Fanatiker nicht genau das? Den Rationalisten, den Dekadenten, dieser verhassten Kultur des Westens endlich das Maul stopfen? Nein, man darf nicht zurückweichen.

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