Kultur : Nach der Jagd

ABSCHLUSSFILM Der grandiose Western „Pat Garrett & Billy the Kid“

Kai Müller

Als es getan ist, setzt sich der Sheriff auf die Veranda und schweigt. Der Kugel, die Billy the Kid traf, ist nichts mehr hinzuzufügen. Leute strömen herbei, stehen da und glotzen. Als sich Pat Garrett im Morgengrauen erhebt und wortlos sein Pferd besteigt, drücken sich die Einwohner des Städtchens immer noch ratlos am Tatort herum. Nur ein Junge wirft Steine nach dem davonreitenden Mann, der plötzlich alt und gebrechlich aussieht. Viel später trifft es ihn selbst: aus dem Hinterhalt.

In Sam Peckinpahs „Pat Garrett & Billy the Kid“ ist auch der Jäger ein Gejagter. Dass er schon in der ersten Szene des 117-Minutenfilms stirbt, stimmt jene grimmige Schicksalsmelodie an, die alle Peckinpah-Filme grundiert, besonders aber sein Epos über zwei Freunde, die durch die Zeitläufte zu Gegnern werden.

Zum Abschluss zeigt die Berlinale erstmals die digitale Rekonstruktion des bislang nur in verstümmelten Versionen existierenden Spätwesterns von 1973. Die um elf Minuten verlängerte digitale Fassung entstand unter anderem nach einer frühen Testscreening-Version. Verblüffend, wie sich mit wenigen Details die Geschichte nun plausibler erschließt.

Schon die Ouvertüre, über die bislang der Vorspann geblendet war, ist ohne Titel eindrücklicher: Pat Garretts Auftakttod kontrastiert mit Bildern von zerfetzten Hühnern, auf die Billy und seine Kumpanen aus Spaß ballern. Eine perfide Collage, die Peckinpahs glühenden Zynismus bis heute so unbequem macht. Dabei war Peckinpah, der lange von Hollywood wegen seiner Gewaltorgien gemiedene Trinker, vielleicht der letzte Regisseur, dem es um Amerika ging. Ein Land, das sich nicht durch seine Geschichte konstituiert, sondern in seinen Mythen. Immer wieder hat sich Peckinpah in Präriegemälden wie „The Wild Bunch“ (1969) der Legendenbildung verschrieben. Aber kein anderes seiner Werke trieb die Auseinandersetzung mit den tragischen Außenseitern Amerikas so weit wie „Pat Garrett & Billy the Kid“.

Das fängt schon mit Bob Dylans Soundtrack an. Der Sänger begleitet als Alias seinen Helden Billy und gibt ihm vergebliche Tipps: „So hang on to your woman, if you got one/ Remember in El Paso once you shot one/ I’ll be in Santa Fé about one/ Billy, you’ve been running for so long.“

Auch Pat und Billy sind mythische Existenzen. Ständig sind Geschichten über sie im Umlauf, wo immer sie auftauchen. Und ständig schießen Leute aufeinander, die früher Gefährten waren. Amerika, dessen Südwesten ab 1881von Zäunen und Telegrafenmasten zivilisiert wird, ist ein Land voller Erzählungen. Ein Wortland. Immer sind die Menschen Augenzeugen von etwas, das sich ihnen einprägt, das sie weitererzählen werden. „Ich hoffe“, sagt einer, „sie schreiben meinen Namen in der Zeitung richtig.“

In dieser Geschichte ist Sheriff Pat Garret (James Coburn) eine düstere Figur und der Revolverheld Billy (Kris Kristofferson) eine Lichtgestalt. All jene, die ihm seine Freiheit nehmen wollen, repräsentieren das moderne Amerika: Großgrundbesitzer, Viehkönige, der Gouverneur. Man ahnt, dass es Garrett war, der ihn bewog, zum Gesetzlosen zu werden. Nun ist er übrig geblieben. Seine Bande verwahrlost, und Garrett, der wie ein Vater für ihn war, lässt sich von der Gegenseite kaufen.

Immer wieder stehen Kinder am Rand. Kinder wie Peckinpah selbst. Als Sohn eines Bezirksstaatsanwalts war er oft auf der kalifornischen Ranch seines Großvaters, wo er mit Geschichten aus der Pionierzeit gefüttert wurde. Der alte Mann war noch im Planwagen nach Westen gerollt. Doch was sich dem jungen Sam als Western-Romantik darbot, bekam empfindliche Risse durch die brutalen Strafen des Großvaters. Diese Ambivalenz aus Verehrung der Tradition und Gewaltbildern prägt Peckinpahs Schaffen. Sie entlädt sich immer wieder in grotesken Exzessen, in denen Körper von Kugeln durchsiebt werden. Ein Stimmungsbild für die Zerrissenheit der USA während des Vietnamkriegs: Die Sympathie gehört Helden, die zu Schlächtern werden.

Peckinpahs Zeit währte nur kurz. Nach Filmen wie „The Ballad of Cable Hogue“, „Straw Dogs“ und „The Getaway“, verblasste sein Stern. Blockbuster-Stars wie Spielberg setzten nun Maßstäbe. Sein letzter Film, klagte er kurz vor seinem Tod 1984, sei nur zwei Minuten lang gewesen. Ein Rock-Video.

Heute 9.30 Uhr (Urania), 10 und 16.30 Uhr (Berlinale-Palast)

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