Kultur : Nach Lektüre vernichten

Angesichts der „Unterwerfung der Bundesrepublik“: Stefanie Waskes Buch über den privaten Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg.

Hannes Schwenger

Die Parteigänger der 1969 erstmals in die Opposition verbannten CDU und CSU sahen „den Regierungswechsel von den Konservativen zu den Sozialdemokraten nicht als normalen parlamentarischen Prozess, sondern als mögliches Ende der Demokratie“. Warum das so war, sei der Anlass zu ihren vertieften Recherchen im Bundesarchiv gewesen, mit denen sie auf das – neben dem Spendenskandal der Ära Kohl – bestgehütete Geheimnis der beiden Parteien stieß, bekennt Stefanie Waske in der Einleitung ihres Enthüllungsbuchs. Die Rede ist von einem geheimen Nachrichtendienst der beiden Parteien, dessen Wirken zumindest diese Frage beantworten kann, auch wenn noch einige brisante Details in gesperrten Akten des Archivs für christlich-demokratische Politik in St. Augustin schlummern.

Die Korrespondenz der beiden „Väter“ des Dienstes, Karl Theodor zu Guttenberg und Hans Christoph von Stauffenberg, kreist nämlich von Anfang an um die Sorge, Willy Brandts ostpolitisches Projekt eines „Wandels durch Annäherung“ bedeute die „Unterwerfung der Bundesrepublik unter den sowjetischen Machtwillen“. Mit diesen Worten hat zu Guttenberg – der Großvater des Ex-Verteidigungsministers – noch in seiner letzten Bundestagsrede 1970 seine Befürchtungen zu den Ostverträgen wiederholt, die von seinem und Stauffenbergs Nachrichtendienst ständig genährt wurden. Kein Wunder, dass dieser Dienst für Egon Bahr, den Architekten der Ostverträge, „der größte Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik“ ist.

Er und sein Chef Willy Brandt mögen geglaubt haben, seit der Pensionierung Reinhard Gehlens als Intimfeind Herbert Wehners und nach Horst Ehmkes Umbesetzungen im Bundesnachrichtendienst sei der Informationsfluss an die abgewählten Regierungsparteien CDU und CSU unterbunden worden. Und tatsächlich verließ Guttenbergs Vertrauter Christoph von Stauffenberg, ein Vetter des Hitler-Attentäters und nationalkonservativer Politiker und Publizist, im Juni 1970 den BND wegen dessen angeblich „parteipolitischer Ausrichtung“. Sein Kollege Wolfgang Langkau, als Leiter der „Strategischen Dienstes“ im BND Gehlens Vertrauter und Guttenbergs Informant für Verdachtsmomente gegen die SPD, war da wie sein Chef bereits pensioniert. Dennoch ließen sich Stauffenberg und Langkau von Guttenberg für dessen „privaten“ Informationsdienst reaktivieren, den Langkau 1970 startete und dessen Leitung Stauffenberg übernahm. Als Dritter im Bund fungierte der BND-Mitarbeiter Hans Langemann, der im selben Jahr außennachrichtendienstlicher Berater der Olympischen Spiele in München wurde, aber seine geheimdienstlichen Verbindungen auch für seine alten Kollegen spielen ließ. Stauffenberg, durch eine Stelle in der bayerischen Staatskanzlei abgesichert , schuf mit Langkaus Hilfe Büro und Informantennetz des neuen Nachrichtendienstes, zu dessen Finanzierung ein „Arbeitskreis für das Studium internationaler Fragen“ als Spendensammelstelle gegründet wurde.

Empfänger des vertraulichen Dienstes, dessen geheimste Informationen mit der Weisung „Nach Lektüre vernichten“ verbreitet wurden, waren außer Guttenberg Hans Globke, Franz Heubl, Rainer Barzel, Heinrich Krone und die Referenten und Büroleiter von Strauß und Kiesinger. Ein „erweiterter Verteiler“ belieferte Gerhard Stoltenberg, Walter Hallstein, Herbert Czaja, Alfred Dregger, Bruno Heck und den später durch den CDU-Spendenskandal bekannt gewordenen Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein. Als Pressekontakte wurden bevorzugt Chefredakteure des Springer-Konzerns und parteinahe Chefredakteure wie Paul Pucher vom „Münchner Merkur“ bedient. Und natürlich Gerhard Löwenthal (ZDF).

Als Informanten dienten im In- und Ausland zumeist alte Bekannte aus BND-Zeiten – nicht etwa Agenten und Spione (vom „operativen“ Geschäft der Geheimdienste hielt sich Stauffenberg fern), sondern undurchsichtige Zuträger, Journalisten und Nachrichtenhändler. Einen ziemlich zuverlässigen Informanten besaß der Dienst im Umkreis Erich Honeckers und Hermann Axens, den er mit einer Warnung vor dem „polnischen Bazillus“ der Solidarnosc zitierte.

Allerdings war auch die DDR seit Guttenbergs Tod über die Sekretärin seines Nachfolgers Werner Marx über Stauffenbergs Dienst informiert, denn Inge Goliath war Agentin der Staatssicherheit und gab nach ihrer Flucht in die DDR ihr Wissen in einer Pressekonferenz preis. Und es kam noch schlimmer: 1980 packte Hans Langemann nach einer persönlichen Krise über seine Arbeit für den Stauffenberg-Dienst aus. Ein Buch, das er der Agentur Ferenczy anbot, wurde zwar durch den BND gestoppt, aber sein Co-Autor Frank Peter Heigl reichte seine Informationen an den Chefredakteur von „konkret“, Manfred Bissinger, weiter. Dessen Serie über den Dienst „Operation Eva“ löste 1982 Ermittlungen der Bundesanwaltschaft aus und führte zur Festnahme Langemanns. Einen Untersuchungsausschuss des Bayrischen Landtags ließ die CSU allerdings aus guten Gründen bald wieder einschlafen. Das Verfahren gegen „konkret“ wurde eingestellt, Langemann wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Als sie 1982 an die Macht in Bonn und im Bundesnachrichtendienst zurückkehrten, verzichteten CDU und CSU sogleich auf Stauffenbergs Dienst(e). Die letzte Ausgabe erschien im Dezember 1982. Von Hans Langemann hat man öffentlich nichts mehr gehört. Hans Christoph von Stauffenberg ist 94-jährig im Jahr 2005 verstorben. „Er soll“, schließt Stefanie Waske ihren Report, „versöhnt gewesen sein mit der Welt.“ Aber die auch mit ihm? Hannes Schwenger

Stefanie Waske: Nach Lektüre vernichten! Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg. Hanser Verlag, München 2013. 304 Seiten, 19,90 Euro.

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