"Nachkommen." von Marlene Streeruwitz : Die Prinzessin im Kaisersaal

Die österreichische Autorin verfasst mit ihrem neuen Roman eine Satire über den Literaturbetrieb aus feministischer Sicht. Ihre Hauptfigur, Nelia Fehn, sorgt für Überraschungen.

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Wiener Blut. Die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz.
Wiener Blut. Die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz.Foto: dpa

Wer auf der Website des S. Fischer Verlags den soeben erschienenen Roman von Marlene Streeruwitz mit dem Titel „Nachkommen.“ sucht, stößt dort auch auf ein E-Book mit dem Titel „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“. Verantwortlich dafür zeichnet eine gewisse „Marlene Streeruwitz alias Nelia Fehn“. Das Buch, das von den großen Auswirkungen der Euro-Krise in Griechenland und der kleinen Liebe zwischen Nelia und Marios, einem im antikapitalistischen Widerstand engagierten und lädierten Paar, handelt, soll im September erscheinen.

„Nachkommen.“ kreist um eben jene Nelia Fehn, die mit ihrer Geschichte, die auch von der toten Mutter Dora Fehn handelt, ebenfalls Schriftstellerin, für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt am Main nominiert ist. Marlene Streeruwitz hat sich gewissermaßen selbst eine jüngere Version ihrer selbst erfunden, die sich auf die literarische Bühne beamt. Will sie etwa nachholen, was ihr 2011 als Shortlist-Kandidatin vorenthalten wurde? Damals kam ihr Roman "Die Schmerzmacherin" heraus. Für Überraschungen war Streeruwitz schon immer gut. Man erinnere sich nur an den aus drei Heften bestehenden Kolportage-Roman „Lisa’s Liebe“ (1997) und sein offensiv billiges Erzählen. Wird sich nun aus der adulten Stammzelle von „Nachkommen.“ eine „pluripotente“, ein „Alleskönner“ reprogrammieren lassen?

Streeruwitz' Heldin ist wie viele ihrer Figuren eine Unbehauste

Ganze zwei Tage umfasst die erzählte Zeit dieses keineswegs schmalbrüstigen Romans. Er setzt ein mit der beklemmenden Bestattungszeremonie von Nelias Großvater, „dem Direktor Holzinger“, der das 15-jährige Mädchen nach dem Tod der Mutter eher widerwillig aufgenommen hat. Da steht sie nun fünf Jahre später in ihrem für alle Gelegenheiten tauglichen „marineblauen Hosenanzug“ alleine vor dem aufgebahrten Leichnam, mutig die Tränen zurückhaltend, „denn sie hatte auch bei der Mami nicht geweint“. Am Abend wird Nelia von ihrem Verleger zur Preisverleihung in Frankfurt erwartet. Davor liegt das Zusammentreffen mit der zerstrittenen und missgünstigen Verwandtschaft aus Kaiserbad.

Nelia Fehn – den Namen der Mutter übernimmt sie als Künstlername – ist wie viele der jungen Figuren in Marlene Streeruwitz’ Werk eine Schutzlose, Unbehauste, sozial und in Bezug auf ihren Körper. Der deutsche Vater ist von der Bildfläche verschwunden, die Mutter tot, und „die Omama“ fühlt sich für das Mündel nicht mehr zuständig. So „kreiselt“ die offensichtlich essgestörte junge Frau durchs Leben, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, was sie bewegt: „Sie musste eine ebene Außenfläche herstellen, an der alles abgleiten können musste ... Alles musste gleich wichtig sein. Dann war es auszuhalten.“

In Frankfurt zieht sie einen Rucksackkoffer wie das Schicksalspäckchen ihres jungen Lebens hinter sich her. Die Stadt liefert den Schauplatz für eine Satire auf den deutschen „Literaturzirkus“ mit seinen schlitzohrigen Verlegern, der übellaunigen Kritikerkaste und den exaltierten „Zicken“-Konkurrentinnen. Grandios die Beschreibung der Zeremonie im Frankfurter Kaisersaal und die knisternden Minuten vor der Verlesung des Preisträgernamens, während die Kandidatin Fehn neben sich selbst steht, in einer „dunklen Wattewolke, die sich vor ihr Sehen schob“. Denn „eine junge Frau konnte sich nicht an einer Norm beweisen. Die junge Frau trat immer außer Konkurrenz an, und dann zählte es nicht. Wie gut sie war. Wie perfekt. Wie viel perfekter als alle. Und das. Das machte es so ungerecht. So unfair.“

Ein Drama von Verlassenheit und Verrat: Streerurwitz schreibt in gezügeltem Stakkato

Da sind sie wieder, die Punktsätze der Streeruwitz. Der Punkt, dieser Möglichkeitsschaffer in der aufgezwungenen väterlichen Ordnung. Aber wie ernst sollen wir eigentlich dieses „kleine Mädchen“ nehmen, das Streeruwitz da auf die Schienen des Literaturbetriebs stellt? Ist sie ein Klischee wie die saufende und fressende Entourage, der misogyne Kritiker, der das Buch der Jungautorin als „hübsche kleine Odyssee“ schmäht, oder der paternalistische Verleger? Streeruwitz kennt das Geschäft - sie schlägt ja öfter mal scharfe Töne an - und überzeichnet es gnadenlos, bis hin zu Martens, dem Professoren-Vater, der plötzlich in Nelias Leben auftaucht und alles infrage stellt: Wie war das mit „der Mami“, welchen Anteil hatte sie an seinem Verschwinden? Hat sie überhaupt ein Recht, über das Leben der Mutter zu urteilen? Was wurde ihr vorenthalten, vorgelogen, und kann man Versäumtes als Erwachsener nachholen?

In gezügeltem Stakkato, zwischen zerrissenem innerem Monolog und indirekter Rede, die nur gelegentlich unmittelbar aus dem Mund des Sprechers quillt, rollt die österreichische Autorin dieses Drama von Verlassenheit und Verrat ab, das stark dort wirkt, wo sie den Körper zum Zeugen der selbstentfremdeten Erfahrung aufruft. Wie einst in der riesigen Kirche im heimischen Kaiserbad empfindet sich Nelia auch von den Kameras verkleinert: „Sie bestand aus einem Gesicht, hinter dem sie hervorschaute. Als müsste sie auf Zehenspitzen gehen, um zu ihren eigenen Augenhöhlen hinaufzureichen.“ Aber im Unterschied zu den satirisch vorgeführten Chargen ist es Streeruwitz mit dieser Nelia ernst: „Sie wollte nicht eines von den Tausenden grinsenden Frauengesichtern sein, die im Bilderdienst des Kapitalismus begraben wurden.“

Es gibt noch weitere solche Spruchbänder. Über alternde Männer. Oder den räuberischen Markt. Das ist schade, denn sonst ließe man sich auf diese junge Frau mit ihrem tastenden Denken, ihren abgerissenen, atemlos nachgesetzten Fragen und Überlegungen durchaus ein. Wenn sie nur nicht so verdammt politisch korrekt, so „sauber“ wäre, und nicht nur das Angebot „vom Verlag von der Mami“ (S. Fischer) ausschlagen würde, sondern auch die Erbschaft, die der gewissensgeplagte Vater ihr anträgt. Und wenn es die „Mutter“ Streeruwitz lassen könnte, sie wie eine Stammzelle zu behandeln. „Dieser Text“, sagt Nelia irgendwann, „der sollte für sich selbst sprechen ... Sie sollte nur am Rand stehen und zusehen dabei. Sie sollte nicht einmal kommentieren müssen.“ Genau. Mal sehen, ob sich diese Nelia als „alias“ noch emanzipiert.

Marlene Streeruwitz: Nachkommen. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2014. 431 Seiten, 19,90 €

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