Kultur : Nachrichten aus der Neuen Welt

Steffen Richter

sucht nach Amerika-Bildern in der Literatur Wenn demnächst in den USA gewählt wird, blickt man hierzulande skeptisch bis bänglich über den großen Teich. Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen Europa mit glänzenden Augen nach Amerika schaute! Die Neue Welt, das waren tausend unbekannte Möglichkeiten. Unzählige Europäer zogen ins vermeintlich Gelobte Land, als das 20., das amerikanische Jahrhundert begann. Unter ihnen waren auch die neunjährige Vita und der zwölfjährige Diamante. Wie viele ihrer Landsleute trieb sie das Elend des italienischen Mezzogiorno 1903 nach New York. Aber ihre Blütenträume reiften nicht, ihre amerikanische Karriere reichte nur vom Tellerwäscher zum Lumpensammler. Wenigstens hat Diamantes Enkelin diese authentische Geschichte aufgeschrieben. Sie heißt Melania G. Mazzucco und wird in Italien derzeit mit höchsten Preisen dekoriert. Heute (20Uhr) liest sie in Britta Gansebohms Literarischem Salon aus ihrem Roman „Vita“ (Knaus) und spricht mit Julia Franck über Emigrationserfahrungen.

Mit Amerika dürften auch Antonio Negri und Michael Hardt ihre Probleme haben. Schließlich macht die amerikanische Politik dieser Tage ihrer These vom dezentralisierten „Empire“ einen Strich durch die Rechnung. War ihr berühmtes „Empire“-Buch nur neulinker Chic oder ein Basistext der Globalisierungskritik? Morgen kommt Antonio Negri zu einem Konvent unter dem Titel „Live and let die – USA, Globale Weltordnung und Multitude“ an die Volksbühne (20 Uhr). Im Gepäck hat er das ebenfalls mit Hardt verfasste Nachfolgewerk: „Multitude. Krieg und Demokratie im Empire“ (Campus). j

Dass die „Arabische Welt“ vielfältiger ist, als das Etikett glauben macht, lässt sich nicht nur beim Buchmesse-Schwerpunkt in Frankfurt lernen. Auch die Berliner Literaturwerkstatt lädt zu zwei Veranstaltungen: Ägypten war – neben dem Libanon – immer ein Zentrum arabischer Buchkultur. Schon Napoleon hatte auf seinen Feldzügen die erste Druckerei mit arabischen Lettern ins Land gebracht. Heute kommen die Ägypter Edwar al-Charrat und Husni Hasan zu „Ortszeit Alexandria“ in die Kulturbrauerei (20 Uhr).

Gar nicht goldig ist es im Irak ums literarische Leben bestellt. Wie in anderen arabischen Ländern gibt es eine sehr hohe Analphabetenrate, die Vertriebsstrukturen liegen brach, religiöse Bücher dominieren den Markt. Zudem berichten irakische Exilautoren, dass viele im Land gebliebene Schriftsteller bis vor kurzem patriotische Hymnen auf Saddams Regime sangen und Kollegen denunzierten. Ob es unter diesen Umständen tatsächlich eine „Stunde Null“ geben kann, diskutieren am 11.9. Ahmed Sa´adawi und Gulala Noury (Literaturwerkstatt, 20 Uhr). Für die meisten Iraker ist das amerikanische Jahrhundert vermutlich längst nicht vorüber.

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