Nachruf : Der Unsanfte

Zum Tod des Dichters Heinz Czechowski: Der Dresdner gehörte zur Sächsischen Dichterschule, er war polemisch, elegisch und unduldsam.

Richard Pietraß
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Heinz Czechowski: Unduldsam bis ungerecht, anfällig für Kollegenneid und krasse Unterschätzung des Erreichten blieb er. -Foto: dpa

Nach dem Tod Richard Leisings, Karl Mickels und dem Adolf Endlers vor wenigen Wochen lichten sich die Reihen jener ostdeutschen Dichtergeneration, die, um die Mitte der dreißiger Jahre geboren, und durch die Charismatik Brechts und Georg Maurers geprägt, als Sächsische Dichterschule Furore machten. Weltwissen und Traditionsbewusstsein waren ihre Wirkungskonstanten. Selbstbewusste Generationsgeselligkeit und die Ausprägung kräftigen Ich-Bewusstseins im Rahmen ihrer kollektiven Gesellschaft führten zur Reibung am ideologisch Vorgegebenen – nach dem Plenum des ZK der SED 1965 und auch noch nach Wolf Biermanns Ausbürgerung im Herbst 1976.

Heinz Czechowski, 1935 in Dresden geboren, war von Beginn an der Streithans des lose gefügten Freundeskreises mit starkem literarischen Zusammengehörigkeitsgefühl und an Galle dem geborenen Polemiker Endler kaum nachstehend. Doch war er weicher und elegischer als der mehr dem schwarzen Humor zuneigende Düsseldorfer. Schon in seinem ersten Gedichtband „Nachmittag eines Liebespaars“ (1962) findet sich im Sonett „An der Elbe“ jene Zeile die er später als die vielleicht einzige bleibende seines Werks bezeichnete: „Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß“. Die folgenden 13 Zeilen strich er später – ersatzlos.

Unduldsam bis ungerecht, anfällig für Kollegenneid und krasse Unterschätzung des Erreichten blieb er, in zuweilen fast krankhafter Zuspitzung, bis zuletzt. Keiner konnte ihm im exzessiven Klagen das Wasser reichen. Das hätte nur ein Jakob Haringer, ein Thomas Bernhard gekonnt. Czechowski war einer derjenigen, deren Wunde Dresden nicht heilte.

Traumatisiert der 1945 im Feuersturm untergegangenen Heimatstadt entwichen, scheiterten alle Versuche der Wiederannäherung. So wurde er nach der Wende ein Unbehauster, den es nach Rom, Limburg und schließlich Frankfurt umtrieb, wo er unfroh sesshaft wurde und Jahre gefühlter Isolation und körperlichen Verfalls erlebte. Wie der willensangetriebene Schiller rang er seinem Körper lange Erstaunliches ab, und wie Wulf Kirsten wurde er einer von Sachsens akribischsten Chronisten, in deren Werk nachgelesen werden wird, was in den Geschichtsbüchern weißer Fleck geblieben ist: Biografisches, Anekdotisches, Merkenswertes deiner und meiner Lebensgeschichte.

Statt dreier Hände Erde hier die Titel seiner drei mir liebsten Gedichtbände: „Schafe und Sterne“, „Ich beispielsweise“, „Was mich betrifft“. In seinem bissigsten Gedicht „An Freund und Feind“ heißt es: „Hier wird die Trommel kaum noch gerührt. / Sandkorn um Sandkorn rieselt die Eisenzeit / Ein in das Unsere und die Welt / Der Schafe und Sterne. / Wir sagen uns Zaubersprüche, / Wir schreiben uns Briefe mit blauen Siegeln / Wer aber soll das rezensieren? / Wo wir auch hinsehn: / Die goldenen Stühle / Längst schon besetzt / Von Kopien nach Originalen.“

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