Nachruf : Der Wartende von West-Berlin

Zum Tod des Theater- und Fernsehschauspielers Stefan Wigger.

Frederik Hanssen
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Mit Becketts „Warten auf Godot“ hat er Berliner Theatergeschichte geschrieben: Gleich zwei Mal wirkte Stefan Wigger in stilprägenden Inszenierungen des Stücks mit, beide Male im Schillertheater. 1965, in der Regie von Deryk Mendel, war Wigger der handfest dem Irdischen verhaftete Estragon, der sich von Horst Bollmanns Wladimir immer wieder dazu überreden lassen musste, weiter auf den großen Unbekannten zu warten. 1975, in Becketts legendärer, eigener Inszenierung, wurden dann die Rollen getauscht. Wigger, der lange Dünne, war nun der erlösungsbedürftige Wladimir.

1932 in Leipzig geboren, lernte Wigger das Theaterhandwerk in Hannover. Sein Bühnendebüt gab er in Lüneburg, dann folgten Engagements unter anderem in Kiel und Göttingen, bis ihn Boleslaw Barlog 1958 ans Schiller- und Schlosspark-Theater verpflichtete. Hier gehörte er dann zwei Jahrzehnte lang zu den Säulen der Staatlichen Schauspielbühnen. Der langjährige Tagesspiegel-Theaterkritiker Günther Grack hat Stefan Wigger einmal so charakterisiert: „Mit einer Ausstrahlung begabt, die zwischen Naivität und Ironie vielfältig oszilliert, von so hoher Gestalt wie hoher Stimme, war Wigger der rechte Mann einerseits für den tumben Junker Bleichenwang in Fritz Kortners ,Was ihr wollt’-Inszenierung (1962), andererseits für den souverän den Weltenlauf kommentierenden Ausrufer in der Uraufführung von Peter Weiss’ ,Marat’-Spektakel (1964).“ Einen starken Eindruck hinterließ Wigger auch 1972 in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ neben Lieselotte Rau (Regie: Dieter Dorn).

1978 entschloss sich der Schauspieler für die Freiberuflichkeit, spielte als Gast an den Bühnen von Bonn, Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und München, trat aber auch vermehrt im Fernsehen auf: Von 1990 bis 1994 spielte er in der ARD-Vorabendserie „Ein Haus in der Toscana“ den Oberstudienrat Julius Donner, später stand er für die ZDF-Serie „Nicht ohne meinen Anwalt“ vor der Kamera. Kleinere Rollen hatte er in den Krimiserien „Derrick“ oder „Der Alte“. Nach langer Krankheit ist Stefan Wigger jetzt im Alter von 80 Jahren in einem Münchner Krankenhaus gestorben. F. H.

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