Nachruf Ilse Aichinger : Ilse Aichinger, die Jahrhundertzeugin

Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger ist tot. Sie starb wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag in Wien. Ein Nachruf.

Simone Fässler
Die Schriftstellerin Ilse Aichinger ist am 11.11.2016 mit 95 Jahren in Wien gestorben (hier auf einem Archivbild von 1991).
Die Schriftstellerin Ilse Aichinger ist am 11.11.2016 mit 95 Jahren in Wien gestorben (hier auf einem Archivbild von 1991).Foto: dpa

Ilse Aichinger, eine der wichtigsten und widerständigsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur nach 1945, hat immer unterschieden zwischen „leben“ und „existieren“: Die meisten Menschen leben und gehen ihren Geschäften nach, aber sie existieren nicht. Umgekehrt gibt es „Präsenzen, die nicht vergehen, sich nach dem Tod sogar noch verstärken“. Das ist weder abstrakte Spekulation noch wohlfeiler Trost. Es ist trotzige Erfahrung eines Menschen, der den Tod vor dem Leben kennen lernte. 1921 mit einer Zwillingsschwester in Wien geboren, fiel Ilse Aichingers Jugend in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während sie selbst als „Mischling 1. Grades“ zwar „zwangsverpflichtet“, aber vor Deportation geschützt war, wurden ihre jüdischen Verwandten 1942 in Minsk ermordet.

Die eigene Existenz hatte für Ilse Aichinger nur in der Kindheit klare Konturen, als die Küche der Großmutter über der Wiener Verbindungsbahn und die stillen Gänge der Klosterschulen für das Glück einstanden. Und dann noch einmal in der Zeit der Verfolgung. Wenn jeder Tag der letzte und jeder Abschied endgültig sein kann, erhält der Augenblick sein Recht. Und die Sprache schwingt sich auf zum hohen Ton, in dem Ilse Aichinger in ihrem frühen Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) von einer Gruppe jüdischer Kinder erzählt, die während des Krieges gegen Angst und Verzweiflung, gegen Ausgrenzung und Deportation ihre innere Freiheit behaupten. Der Roman erzählt vom Krieg in symbolisch überhöhten Bildern, er benennt aber auch ganz deutlich, was war: Die Erzählung „Das vierte Tor“, eine Vorstufe zum Roman, ist vielleicht der erste Text der deutschsprachigen Literatur, in dem – von einem kleinen Knaben beim Ballspielen – das Wort „Konzentrationslager“ ausgesprochen wird.

Die Katastrophe der Nachkriegszeit: „Die Gleichgültigkeit einüben.“

Als die eigentliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts empfand Ilse Aichinger die „Normalisierung“ der Nachkriegszeit. Das Wirtschaftswunder machte das Leben käuflich, die Existenz aber unerschwinglich. In den 50er Jahren hielt Aichinger der drohenden seelischen und geistigen Erstarrung punktgenau paradoxe Erzählungen entgegen wie die berühmte „Spiegelgeschichte“, die ein missglücktes Leben vom Ende her rückwärts erzählt, auf neue Möglichkeiten und Anfänge hin. Für die Spiegelgeschichte erhielt Ilse Aichinger 1952 – „mit einem sonst nicht üblichen Beifall“, wie berichtet wurde – den Preis der Gruppe 47. Es war bei dem Treffen in Niendorf an der Ostsee, das in die Literaturgeschichte eingegangen ist, weil da zwei junge Frauen und ein Mann aus Wien auftraten, die mit ihren hermetischen Texten das Engagement in der Dichtung neu definierten: Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

In den 60er und 70er Jahren, als die nach dem Krieg geborene Generation Bruch und Aufbruch probte, wurde es für Ilse Aichinger noch schwieriger, die Zumutung der Existenz mit Sprache zu kontern. Während der Jahre, als sie mit ihrem Mann, dem Lyriker und Hörspielautor Günter Eich, und zwei Kindern in Oberbayern auf dem Land lebte, verknappten sich ihre Texte bis an den Rand des Verstummens. Manchmal ermöglichten die frühen Morgenstunden ein Gedicht: „Ich will meine Dörfer / ohne Worte lassen / und nur den Schnee / durchschwingen / und offen gegen die Zäune.“ 1972, in Eichs Todesjahr, steht in den aphoristischen „Aufzeichnungen“ ein einziger Satz: „Die Gleichgültigkeit einüben.“

Sie überlebte das Überleben - und brach im fortgeschrittenen Alter noch einmal auf

Doch anders als die frühen literarischen Weggefährten Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die Anfang der 70er Jahre nurmehr im Tod einen Ausweg aus der Schreib- und Lebenskrise fanden, hat Ilse Aichinger (und sei es bloß, weil sie ihrer Ungeschicklichkeit einen Selbstmord nicht zutraute, wie sie es später formulierte) auch das Überleben überlebt. Und mehr: Im fortgeschrittenen Alter erfolgte ein Aufbruch, mit dem Ilse Aichinger ihr Schreiben noch einmal unter ein gänzlich neues Vorzeichen setzte. 1988 zog sie wieder in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend. In den 90er Jahren begann sie für die Tageszeitung „Der Standard“ ein wöchentliches Journal zu schreiben, in Wiener Tradition nie zu Hause am Schreibtisch, sondern im Kaffeehaus. Während dem gebrechlichen Körper die Wege zwischen Wohnung, Kaffeehaus und – täglichem! – Kino beschwerlich wurden, spannten die Gedanken und Erinnerungen den Bogen umso leichter von den Filmen und Tagesaktualitäten zu weit entfernten Orten und Zeiten. Kompromisslos wie nie zuvor, schräg, angriffig und durchaus mit Galgenhumor. In den Bänden „Film und Verhängnis“ (2001) und „Unglaubwürdige Reisen“ (2005) verbinden sich die Feuilletons zu einer Autobiographie, die, was sie erinnert, niemals festschreiben will – und drum nicht selten in mehreren, allesamt ziemlich „unglaubwürdigen“ Varianten erzählt.  

Nach einer Erkrankung im Jahr 2005 hat Ilse Aichinger sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Am heutigen Freitag, wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag ist sie in Wien verstorben. Präsent und „existierend“ nach ihrer eigenen Definition wird sie bleiben als Jahrhundertzeugin und als große Autorin, deren Texte für die Schriftsteller-Avantgarde bis heute wegweisend sind

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