Nachruf Michel Tournier : Der Germanophile

Sein Roman "Der Erlkönig" machte ihn weltweit berühmt. Nun ist der französische Schriftsteller Michel Tournier mit 91 Jahren gestorben.

Ironischer Märchenerzähler. Michel Tournier (19.12.1924 bis 18.Januar 2016).
Ironischer Märchenerzähler. Michel Tournier (19.12.1924 bis 18.Januar 2016).Foto: dpa

Der französische Schriftsteller Michel Tournier ist tot. Er starb am Montagabend im Alter von 91 Jahren in Choisel bei Paris. Tournier fühlte sich zeitlebens Deutschland eng verbunden. 1924 in Paris als Sohn zweier Germanisten geboren, studierte er später selbst Germanistik und Philosophie in Paris und Tübingen. Tournier hatte zu den ersten Franzosen gehört, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gingen. In Bad Teinach im Schwarzwald nahm er als Jura- und Philosophiestudent zunächst an einem von der französischen Militärregierung organisierten Ferienkurs für Germanisten teil, bevor er sich an der Universität Tübingen einschrieb.

Nach einer Tätigkeit als Übersetzer arbeitete er für Rundfunk, Fernsehen und Verlage, bevor er 1967 seinen ersten Roman "Freitag oder im Schoß des Pazifik" vorlegte. Es folgten zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher und autobiographische Essays.  In seinen Romanen verwendete er immer wieder Mythen und Märchen, die er mit feiner Ironie in gegenwärtige Stoffe verwandelte. Seinen Durchbruch feierte Tournier 1970 mit seinem Roman "Der Erlkönig", in dessen Mittelpunkt ein vom Nationalsozialismus faszinierter französischer Kriegsgefangener steht. Das in einer NS-Eliteschule in Ostpreußen spielende Buch, für das er 1970 den Prix Goncourt erhielt, wurde 1996 unter dem Titel "Der Unhold" von Volker Schlöndorff verfilmt wurde.

Wichtige spätere Bücher waren "Die Zwillingsterne" sowie "Kaspar, Melchior und Balthasar". Tourniers Bücher erreichten hohe Auflagen und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Als Mitglied der Académie Goncourt bestimmte er über die Vergabe des wichtigsten französischen Literaturpreises mit und gehörte auch der Bayerischen Akademie der schönen Künste an.

Tournier blieb zeitlebens Junggeselle und lebte die letzten Jahrzehnten in einem alten Pfarrhaus auf dem Land im Südwesten von Paris. Zuletzt wurde der Autor, der schon länger mit Altersbeschwerden kämpfte, von seinem Patensohn Feliculis betreut. "Wir lebten rund um die Uhr mit ihm, er konnte seit drei Monaten nicht mehr allein bleiben", erklärte Feliculis nach Tourniers Tod. Der Schriftsteller sei immer wieder gestürzt. "In letzter Zeit wollte er nicht mehr kämpfen, das war das Alter."

Frankreichs Premierminister Manuel Valls würdigte Tournier  als einen „herausragenden Erzähler“. „Sein Werk wird weiterleben“, schrieb Valls bei Twitter. Als einer der wenigen französischen Schriftsteller hat Tournier auch über den Mauerfall am 9. November 1989 geschrieben. Auf Deutsch sind von ihm unter anderem „Der Wind Paraklet. Ein autobiografischer Versuch“ sowie „Der Garten des Vagabunden“ erschienen. Tsp/dpa/AFP




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