Nachruf Wolfgang Mattheuer : Der Eigensinnige

Mehr als ein Staatskünstler: Mit 77 Jahren ist der Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer gestorben

Michael Zajonz

In der metaphernreichen Kunst der DDR stand Wolfgang Mattheuer stets für den direkten Weg. Dabei bediente sich der 1927 in Reichenbach im Vogtland geborene Maler, Grafiker und Bildhauer gern mythischer Figuren: des Korintherkönigs Sisyphos, der zum Schutze seiner Untertanen die Unterwelt herausfordert und dafür bis in alle Ewigkeit büßt; des gefallenen Himmelsstürmers Ikarus. Doch wie Mattheuer diese idealistischen Feuerköpfe ins Bild gesetzt hat, ließ an Wiedererkennbarkeit und damit an kritischer Distanz gegenüber den realsozialistischen Verhältnissen nichts zu wünschen übrig.

Kein Versteckspiel der Botschaften, wo Offenheit möglich schien, das wurde auch im Westen als eines der künstlerischen Hauptanliegen Mattheuers erkannt und geschätzt. Wolfgang Mattheuer würdigten schon 1977 große Werkübersichten in Heilbronn und im Hamburger Kunstverein – nur wenige Jahre nach den ersten musealen Einzelausstellungen in der DDR. Da war er bereits einer der prominentesten, vielfach ausgezeichneten bildenden Künstler des Landes: Neben Willi Sitte, Bernhard Heisig und Werner Tübke zählte er zur legendären und – das wird heute gern vergessen – auch international hofierten „Viererbande“. Unter ihnen galt Mattheuer als der Moralist, dessen aphoristische Kommentare zum eigenen Werk von der Zensur wesentlich schärfer angefasst worden sind als seine Bilder. Der Vorwurf des „Staatskünstlers“, der im deutsch-deutschen Bilderstreit nach 1990 gegen die so ungleiche Quadriga erhoben worden ist, betraf ihn am allerwenigsten.

Mattheuer stammte aus einfachen Verhältnissen, er bahnte sich den Weg zur Kunst über die Gebrauchsgrafik. Noch als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen, studierte er 1946 – 51 in Leipzig: unter anderem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der eigentlichen Wiege der „Leipziger Schule“. 1956 – 74 gehörte der Künstler zu ihren einflussreichsten Professoren. Für die Gültigkeit seiner Lehrmethoden spricht, dass es eine Mattheuer-Schule nie gegeben hat.

Mattheuers beste Werke – und davon gibt es nicht wenige – beeindrucken zugleich als weltanschauliche Ausrufezeichen und als irritierend eigenständige Beispiele eines enigmatischen Realismus mit DDR-Kinderstube und weltläufigem Horizont. Wer vor zwei Jahren die Retrospektive zum 75. Geburtstag im Chemnitzer Museum sah, musste auch den Vorwurf einer spröden, ja trockenen Malweise, der von der Kritik gern geäußert worden ist, aufgeben. Das überscharfe Licht seiner Bildräume erinnert an die Surrealisten, besonders an Magritte und Dali, der kräftige Figurenbau sowie die zuweilen kompliziert verschränkten Ebenen seiner Kompositionen nehmen Anleihen bei Max Beckmann. Doch für einen bequem werkenden Eklektiker besaß der stattliche Sachse mit dem sonoren Timbre einfach einen viel zu dicken Kopf.

Und der erdachte einige der signifikantesten Sinn- und Signalbilder deutsch-deutscher Zustände. Zuallererst der „Jahrhundertschritt“, jene in Gips-, Bronze- und Eisenfassungen bekannte Skulptur (1984), halb abstraktes politisches Konstrukt, halb angstvolle Ahnung. In ihr scheinen Nazismus und Stalinismus, diese ideologischen Monolithen des 20. Jahrhunderts, eingeschmolzen zu sein, ohne erkennbar zur Ruhe zu kommen.

Ähnlich heiß diskutiert wurde ein Jahrzehnt zuvor Mattheuers Porträt seiner Mutter als „Ausgezeichnete“. Handelte es sich nur um einen Moment der Ruhe nach dem stürmischen Applaus oder um einen konkreten Beweis für die Vergeblichkeit aller Erwartungen an die sozialistische Staatsmacht? Damals gehörte Mattheuer als prominentes SED-Mitglied und als Funktionär im Verband Bildender Künstler noch zu denen, die auf Reformen hofften. 1988 trat er schließlich – auch aus seiner Sicht viel zu spät – aus der Staatspartei aus. „Meine Verantwortungswilligkeit und Verantwortungsfähigkeit haben ihre Grenzen erreicht“, schrieb der wenige Monate später auch am politischen Umbruch Beteiligte am 7. Oktober 1988, dem 39. Geburtstag der DDR.

Auch nach der deutschen Vereinigung hat sich der einstige Vorzeigekünstler mit seiner Meinung nie „Hinter den sieben Bergen“ – so der Titel seines vielleicht populärsten Bildes – versteckt. Etwa in der Diskussion um die künstlerische Ausgestaltung des Berliner Reichstagsgebäudes, wo er mit Erfolg für das Nebeneinander von Ost- und Westkunst eintrat. Zu Recht ging es ihm dabei stets auch um die Verteidigung des eigenen Oeuvres und um persönliche Integrität. Im vielstimmigen Panorama der „Kunst in der DDR“, das die Berliner Nationalgalerie vor einem Jahr ausgebreitet hat, behauptete er sich mit drei Hauptwerken.

Gestern ist Wolfgang Mattheuer an seinem 77. Geburtstag in einem Leipziger Krankenhaus gestorben.

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