Kultur : Nacht und Schicksal

Die Lage ist aussichtslos, aber nicht unbedingt ernst: Das 56. Filmfest Locarno besichtigt die Krisen der Gegenwart

Christiane Peitz

Bolivien. Pakistan. Rumänien. Kasachstan. Lauter Länder, die auf der kinematografischen Landkarte gewöhnlich nicht verzeichnet sind. Auf den 56. Filmfestspielen von Locarno bestritten sie dennoch einen Großteil des Wettbewerbs. Und siehe da: Die Bilder aus entlegenen Kinoregionen, Kriegs- und Krisengebieten kommen alles andere als dilettantisch daher. Die Sprache des Kinos ist längst globalisiert – nicht nur die Sprache des Publikumsfilms, sondern auch die engagierter Regieautoren. Man muss sich nur zu bedienen wissen.

„Gori Vatra – Feuer!“ aus Bosnien-Herzegowina zum Beispiel. Regisseur Pjer Zalica hat eine Tragikomödie über die Unmöglichkeit friedlicher Koexistenz nach dem Balkankrieg gedreht. Bill Clinton kommt zu Besuch, das Dorf wird herausgeputzt, das Bordell in ein Kulturzentrum verwandelt – und am Ende fliegt der ganze faule Zauber in die Luft. Zalicas mit einem Silbernen Leoparden ausgezeichneter Film porträtiert die Dorfbewohner, ihre Chuzpe, ihre Korruption mit dem liebevollen Humor osteuropäischer Typenkomödien. Kein Zufall, dass zwei Feuerwehrmänner dabei sind: Formans „Feuerwehrball“ lässt grüßen.

Gefühl & Gewissen

Mit dem sozialen Engagement im Kino ist es so eine Sache: Einerseits eine ehrenwerte Angelegenheit, predigt man andererseits oft nur den Bekehrten. Der unaufgeklärte Rest der Menschheit macht einen Bogen darum; schließlich gehen wir ins Kino, um uns ein gutes Gefühl machen zu lassen und nicht ein schlechtes Gewissen. Wenn Locarnos Festival-Chefin, die italienische Filmkritikerin Irene Bignardi, das größte unter den kleineren internationalen Festivals „engagiert und abenteuerlustig“ nennt, betont sie zugleich, dass politische Korrektheit allein nicht genügt. Ein Idee, ein eigener Stil müssten schon sein, dazu der Wille, mit dem Publikum zu kommunizieren: „Ich mag keine Filme, in denen der Stilwille alles andere übertönt.“ In der Tat lebte die Filmauswahl von Locarno in diesem Jahr von einer insgesamt gelungenen Balance zwischen Ästhetik und Politik.

Der Trick besteht also darin, das Publikum zu betören und es dabei klammheimlich auch noch zu belehren. Zu den reinen Betörungsfilmen gehört das neue Werk des Koreaners Kim Ki-duk, der 2000 in Venedig mit „The Isle“ Furore machte. Auch „Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling“ spielt rund um ein Floßhaus auf einem Waldsee; dort leben ein buddhistischer Mönch und sein Zögling. Diesmal destilliert Kim Ki-duk aus der Idylle jedoch keinen Horror, sondern archaische Bilder vom Lehren und Lernen, von Schuld und Sühne, Liebe und Tod. Kim Ki-duk feiert die Natur, beschönigt die niederen Instinkte nicht, beschwört aber die reinigende Kraft cineastischer Visionen. Kino als Zen-Meditation für westliche Gemüter. Und eindeutig zu viel Stilwille, auch wenn der sich selbst ironisiert: Der Meister malt Schriftzeichen mit der Schwanzspitze einer empört maunzenden Katze. Dass das Publikum in Locarno mit ehrfürchtiger Begeisterung reagierte, verrät viel über die aktuelle Sehnsucht nach Sinn und einer überschaubaren Welt.

Wer sich mit Intoleranz, Freiheitsentzug und all den anderen schreienden Ungerechtigkeiten beschäftigt („Human Rights“ hieß eine Nebenreihe des Festivals), sollte aber auch das Genre des reinen Opferfilms meiden. Opferfilme handeln meist von Frauen, die unser Mitleid verdienen. Aisha aus Pakistan hat traumatische Erinnerungen an die indisch-pakistanische Teilung 1947; Ende der Siebziger wird ihr der islamische Fundamentalismus zum Verhängnis. „Khamosh Pani – Stilles Wasser“ gewann den Goldenen Leoparden sowie zwei weitere Preise: Das von der Berliner Firma Flying Moon koproduzierte Spielfilmdebüt der Dokumentaristin Sabiha Sumar zeigt die Ausweglosigkeit weiblicher Existenz in Zeiten männlicher Machtkämpfe. Aisha bleibt nur der Freitod.

Ähnlich ergeht es Maria aus Rumänien. Sie hat einen arbeitslosen, gewalttätigen Alkoholiker zum Mann, sieben Kinder, ein Kellerloch von einer Wohnung und kein Geld. Also prostituiert sie sich, wird für eine TV-Realityshow entdeckt, soll eine neue Wohnung und Arbeit bekommen, aber der Fahrer des Senders will ihr auch nur an die Wäsche – mit tödlichen Folgen. „Maria“, Calin Netzers Debüt mit düster verregneten, das Elend zum Chiaroscuro stilisierenden Bildern basiert auf einer wahren Geschichte. Vielleicht erhielt er ja deshalb den Spezialpreis der Jury.

Sex & Verzweiflung

Wahrheit hin oder her: Bei Filmen, deren Helden per Autounfall sterben, droht Fatalismus-Gefahr. Egal, was du tust: Der worst case tritt trotzdem ein. Aber die Wirklichkeit ist manchmal so, sagen die Verteidiger solcher Solidaritätsadressen. Warum die Tragödie beschönigen? Es geht nicht um Beschönigung, sondern um den Unterschied zwischen bestätigender, also lähmender und verstörender, folglich belebender Wirkung des Kinos. Barbara Alberts neuer Film „Böse Zellen“ verstört – und lähmt trotzdem. Das ebenfalls düstere Werk der jungen Österreicherin, seit „Nordrand“ eine der eigenwilligsten deutschsprachigen Regisseurinnen, folgt der diffizilen Logik der Chaostheorie, berichtet vom Einbruch des Todes in die Lebenswelt kleiner Leute, von Zufall und Schicksal, Sex und Verzweiflung sowie den Heilsversprechen der Kirche und der Konsumgesellschaft.

„Böse Zellen“ gemahnt an die masochistischen Filme von Ulrich Seidl oder Michael Haneke; leider versucht Albert diesmal, den kalten Blick ihrer Regiekollegen zu imitieren. Dabei entwickelt sie durchaus zärtliche Momente jenseits der allzu simplen Gleichung, dass Menschen das bloße Produkt ihres Milieus sind. Die Präzision ihrer Kadrage verleiht den Figuren bei aller Entfremdung so etwas wie eine Aura. Und die mitunter verblüffende Montage, die einen Flugzeugabsturz in Mexiko mühelos mit einem katholischen Kitschbild zu verbinden weiß, lässt Alberts Alltags-Stillleben eine Wucht angedeihen, die in Locarno ihresgleichen suchte.

Das Problem bei „Böse Zellen“ besteht darin, dass die Regisseurin den Figuren ihre eigenen Vorstellungen aufoktroyiert. Fast schon Missbrauch: Die Protagonisten dienen der Bestätigung eines fertigen Weltbilds. Gelungene Milieustudien entwickeln Tonfall und Gangart umgekehrt aus der Sprache und der Haltung ihrer Helden. Man brauchte in Locarno nur gelegentlich die Retrospektive „All that Jazz“ zu besuchen, um das zu begreifen. Allein „Round Midnight“ von 1986: Bertrand Taverniers Stil ist da einzig eine Frage der von Temperament und Lebensmüdigkeit getränkten Atmosphäre der Pariser Jazzclubs. Noch die Kameraführung folgt dem verzögerten Pulsschlag von Dexter Gordons Saxophonspiel.

Und wer behauptet eigentlich, dass man sich bei sozialen Sujets nicht auch amüsieren könne? Der Argentinier Martin Rejtman beobachtet in „Die magischen Handschuhe“ die Wahlverwandtschaft von glücklosen Taxifahrern, Möchtegern-Unternehmern und depressiven Frauen in Buenos Aires mit der Lakonie eines Jacques Tati. Endlich mokiert sich einer mal über den Mittelstand, also über seinesgleichen statt über die Underdogs. Wenn der Taxifahrer wehmütig seinen inzwischen verkauften Wagen durchs Schaufenster betrachtet und aus der erzwungenen Distanz die Zentralverriegelung bedient, verrät allein das Klickklack der Türschlösser Bände über ein Land in der ökonomischen Krise.

Ein Bild wie eine Chiffre. Vielleicht ist es das Wortlose, oder emphatischer: das Geheimnis, in dem sich die Spannung von Aufklärung und Unterhaltung doch auflösen kann. Der Wettbewerb von Locarno präsentierte auch den letzten Film der kürzlich so tragisch ums Leben gekommenen Schauspielerin Marie Trintignant. „Les Marins perdues – Die verlorenen Seeleute“ von Claire Devers ist eigentlich ein Männerfilm: Drei arbeitslose Matrosen sind am Hafen von Marseille gestrandet, wehmütig, einsam zwischen Land und Meer. Und dann ist da Marie Trintignant mit tiefer, verrauchter Stimme und einem bleichen, wächsernen Gesicht, in dem sich das Glück, das Leid und die Weisheit eines ganzen Lebens spiegeln. Der Mann, der sich gerade in sie verliebt, steht mit ihr an einem Grab mit traumhafter Aussicht hoch oben auf der Felsenküste und spricht davon, dass man sich seine letzte Ruhestätte rechtzeitig aussuchen müsse.

Das Milieu des Todes: Manchmal ist das Soziale im Kino eine Frage der Schönheit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar