Kultur : Nachteulen

Clemens Behrs Design-Art in der Galerie Schuessler.

Jens Müller

Dienstags und freitags, wenn am Neuköllner Maybachufer Markttag ist, sieht man ihn oft: den Hacken-Porsche oder Rentner-Volvo. Diese Einkaufstasche auf Rädern. Selten führen sie hingegen Besucher von Kunstgalerien mit sich, dort herrschen Distinktion, Prätention und Stil. Damit lässt sich der Hacken-Porsche nicht vereinen. Er ist vielmehr der Inbegriff kleinbürgerlicher Spießigkeit. Clemens Behr hatte als Kunststudent in Barcelona solch einen – gewiss sehr praktischen – Hacken-Porsche. Seine Freundin zog ihn immer damit auf, offenbar ist das Konstrukt in Spanien ähnlich beleumundet wie hierzulande. In diesen Tagen nun steht ein von Behr gefertigter Hacken-Porsche in der Galerie Karena Schuessler. Und könnte als „Coche Fantastico“ betiteltes Unikat(4000 Euro) durchaus geeignet sein, auch das Bedürfnis des Käufers nach Distinktion, Prätention oder Stil zu erfüllen.

Es mögen nämlich ähnlich viele Stunden mühevollster Kleinarbeit darin stecken wie in einem handgearbeiteten Louis-Vuitton-Überseekoffer. Die puzzleartig zusammengesetzten Holzoberflächen des „Coche“ und eines Paravents (6000 Euro) muten wie edle, abstrakte Intarsienmuster an. Aber die Materialien, die Behr für die insgesamt neun Objekte verwendet hat, sind ausschließlich arme, billige Materialien: Acrylglas, Metallfolie, Leinwand, Scharniere aus dem Eisenwarenladen – und vor allem: Holz. Kein Edelholz, eher Sperr- und Spanplatte.

Behr hat alle Objekte speziell für die Ausstellung geschaffen. Das ist typisch, weil er mit seinen Arbeiten regelmäßig auf Orte reagiert. Zuletzt Neu Delhi, Sao Paulo, Danzig, Sydney. Nur sind es typischerweise Interventionen im öffentlichen Raum. Großmaßstäbliche Skulpturen, die nur für einen begrenzten Zeitraum an Ort und Stelle existieren. Behrs Hacken-Porsche und Paravent sollen nun als „Interventionen für die Privatsphäre“ über die Ausstellung hinaus bestehen, in den Domizilen von Käufern, die für eine zersplitternde, aufgesplitterte Hängelampe 6500 Euro bezahlen. Die anderen Ausstellungsstücke sind „Die drei Nachteulen von Montenegro“ (je 1800 Euro), eine Stehlampe (3000 Euro) und zwei Wandregale (7000 und 8000 Euro).

Neu bei Behr ist auch der behauptete Nutzwert seiner Objekte, die sich nicht damit begnügen, Skulptur zu sein. Wieder eine Reaktion auf den Ort: Karena Schuessler will sich mit ihrer Galerie an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design positionieren. Da ist sie nicht alleine. Die Unterscheidung zwischen freier und angewandter Kunst war gestern. Heute ist: Design-Art. Design Miami gleich neben der Art Basel. Edition statt Funktion. Als Droog-Design Anfang der 90er Jahre anfing, den Grenzbereich zwischen Design und Kunst auszuloten, war das noch revolutionär. Behrs Holzregale machen sich allerdings auch gut in den Galerieräumen. Jens Müller

Galerie Karena Schuessler, Uhlandstr. 45; bis 15.4., Do/Fr 14–18 Uhr, Sa 12-16 Uhr

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