Kultur : Naganos Mahler: Sprengladung

Christiane Peitz

Der Raum Ist Klein. Gerade mal eine Oktave. Es ist wie in der Malerei, unmittelbar, bevor die Perspektive erfunden wurde: Man spürt, wie an den Fesseln gezerrt wird. Noch können die Töne ihren harmonischen Rahmen nicht öffnen, aber sie dehnen ihn schon aus, mit rhythmischen Turbulenzen und polyphonen Verstrickungen. So fing es an, vor 500 Jahren, und Johannes Ockeghem nimmt sich in seiner Missa "Au travail suis" alle Freiheiten, die ihm gegeben waren. Von der Empore der Philharmonie künden die Tallis Scholars mit klaren, unbestechlichen Stimmen von diesen frühen Sprengladungen in der Welt der Musik. ten. Als Vorspiel gewissermaßen, zum Ohrenwaschen. Danach klingt Weberns "Passacaglia" anders: wie eine ausgeleierte und dennoch unerhörte alte Form. Das Bassthema tritt auf der Stelle, und die übrigen Instrumente werden verrückt daran. Kent Nagano und Das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) lassen das kurze Stück wie einen Wirbelwind über die Bühne fegen: frischer Wind für das Hauptwerk des Abends, Gustav Mahlers 9. Symphonie.

Ockeghem und Mahler: Geht das? Es geht wunderbar - man darf gespannt sein auf die zukünftigen Experimente von Nagano und seinem DSO. Denn Mahlers Neunte ist der Anfang vom Ende des Anfangs, den Ockeghem und seine Zeitgenossen wagten. Die Melodie geht in Fetzen, die Symphonik liegt in Trümmern, und die romantische Harmonik ist derart auf die Spitze getrieben, dass sie ihre eigene Anstrengung zu scheuen beginnt. Schon zu Beginn des ersten Satzes sehnt sie sich in den kleinen Raum einer schlichten Quart zurück und kann doch nicht anders, als immer wieder auszuholen, sei sie noch so erschöpft. Mahlers Neunte, das ist die Rückkehr von den Sternen. Nagano geht sie hart an: Wie schon im Alban-Berg-Festwochenkonzert betont er die Montagetechnik und setzt harte Schnitte. Das DSO musiziert mit Wucht, arbeitet das Derbe und Verstörte der Mittelsätze ebenso heraus wie die amorphen, faserigen Passagen der Ecksätze und die Schutzlosigkeit des musikalischen Augenblicks. Und wie schon bei Berg geht dabei das große Ganze mitunter auf Kosten der präzisen Details. Mahlers kammermusikalischen Inseln der Seligkeit fehlt die nötige Ruhe; Nagano hat sie vom Jenseits ins Diesseits gerückt. Aber es gibt zwei Sorten des unperfekten Musizierens: jene aus Gleichgültigkeit und jene aus Leidenschaft. Die Nervosität, die letztere auszeichnet, ist zur Zeit auch beim DSO zu hören. Kein Wunder bei einem Ensemble im Aufbruch.

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