Kultur : Nahe null

Immer jung: Leif Randts Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“

von

Mit Mitte zwanzig glänzt man in der Regel nicht durch allzu viel Lebensweisheit. Eine unglückliche Kindheit und Jugend könnte in dieser Hinsicht förderlich sein, doch ist eine solche ja alles andere als wünschenswert und wiegt allein das Mehr an Reife und Weisheit nicht auf. Die Kinder von Coby County, der fiktiven Modellstadt, die der 1983 geborene Leif Randt zum Schauplatz seines zweiten Romans „Schimmernder Dunst über Coby County“ erkoren hat, diese Kinder haben überhaupt keine Chance auf frühe biografische Verkorkstheiten „Als wir die Kinder von Coby County waren“, so Randts Held, der 26 Jahre alte Ich-Erzähler Wim Endersson, „wussten wir noch nicht, dass wir an einem der besten Orte der Welt lebten. Heute ahnen wir es.“ Das Problem ist nur, auch das weiß Endersson: „Das macht es nicht leichter.“

Wim Endersson lebt in einem Ort, an dem es sich die Menschen durch die Bank gutgehen lassen. Man könnte diesen Ort auch als Wellness- und Freizeitknast bezeichnen. Coby County ist weltweit führend in der Produktion von Kosmetik- und Schönheitsartikeln, beherbergt diverse Beautyfarmen, und die Menschen, die nicht in der Schönheitsindustrie zugange sind, arbeiten in der Medien- und Dienstleistungsbranche, natürlich „ausschließlich in Büros, die von Licht durchflutet werden“, wie sich ein Freund von Endersson freut. Demnach scheint hier meistens die Sonne, das Klima ist mild, „nur im Winter müssen wir uns vor Starkregenschauern in Acht nehmen“.

Was also kann hier schiefgehen? Wer kann hier wirklich unglücklich sein? Wim Endersson bezeichnet sich zwar häufig als Melancholiker, und er weiß um die Tücken des Coby-County-Daseins. Sein Leben aber als Sohn, Freund, Liebhaber und Literaturagent befindet sich in einem ruhigen, unspektakulären Fluss, es scheint für ihn noch immer die „leicht ironische Romantic Comedy“ aus „Sinnlichkeit, Trennung und Tanzparty“ zu sein, als die er seine Teenagerjahre bezeichnet: „Gut daran ist, dass sich bis heute nie etwas verschlechtert hat.“

Je mehr Endersson von seinem Leben erzählt, desto gespenstischer wirkt es in seiner Unaufgeregtheit, seiner Oberflächlichkeit, in der sachlichen Schilderung von Gefühlen und Beziehungen, in dem Fehlen von Ausschlägen nach unten oder oben. Leif Randt hat seinen Helden mit einem höchst sachlichen Ton ausgestattet, der frei ist von jeglicher Ironie, er schreibt in einer Sprache, die von Allgemeinplätzen durchsetzt ist. Die Dialoge des Romans sind kursiv gesetzt. Das hebt sie von Enderssons Erzählstrom ab, weist aber zusätzlich auf ihre Leere hin, darauf, dass viele dieser Sätze schon millionen- und abermillionenmal gesagt worden sind und gar nicht mehr anders als kursiviert werden können.

So gut wie alles – Beziehungen, Gefühle, Katastrophen, das Risiko des Lebens – hat sich in der Warenwelt, der Popkultur, der Sprache der Werbung aufgelöst: Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst! Und wenn gar nichts mehr geht, wenn Endersson tatsächlich einmal Zweifel plagen, er sich etwa vor dem Risiko von falschen Formulierungen in E-Mails fürchtet, er sich handlungsunfähig fühlt, dann therapiert er sich, „indem ich weiter auf den Bildschirm blicke und lese und irgendwann Grußformeln und Sätze eintippe“.

Leif Randt erinnert mit seiner emotionsfreien, jede Wucht vermeidenden Sprache an den frühen Bret Easton Ellis, an den Ton der Erzähler in „Unter null“ oder „American Psycho“. Reiht sich bei Ellis als Kontrapunkt dazu irgendwann Grausamkeit an Grausamkeit, müssen seine Helden immer noch mehr Drogen nehmen, noch perverser werden, um ihre Leere zu füllen, besteht die Grausamkeit in Coby County darin, dass alles immer einfach weitergeht, dass hier Schwingungsarmut Trumpf ist. Randt lässt seinen Roman geschickt auf der Stelle treten, von eine Dramaturgie kann kaum die Rede sein. Ein Freund von Endersson verlässt die Stadt, weil seine neospirituelle Mutter Ungemach für Coby County prophezeit, auch ein Hochbahnunglück, ein Großbrand in den umliegenden Bergen und ein Wirbelsturm bedrohen Coby County, und ja, selbst eine Undergroundparty findet statt, in einer Shopping Mall.

All das aber schafft keine Erleichterung, sorgt für keine emotionalen Attacken bei Randts Helden. Für den gibt es kein Entkommen, der ist nicht wirklich auf ein Entkommen aus. Auf seine Freundin Carla folgt Carla zwei, ein Klon - und die gar nicht so übel gelaunt vorgebrachte Einsicht, keine Angst vor dem Alter haben zu müssen, auch mit Ende vierzig so weiterleben zu können „wie mit neunzehn oder mit sechsundzwanzig“.

Das ist sehr grausam. Das ist aber auch gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, so wie man überhaupt Leif Randts Roman weniger als Satire lesen muss, sondern vielmehr als ziemlich getreue Abbildung von juveniler und scheinbar ewig juveniler Mittelschichtsrealität. In dieser mag man zwar sicher und gut aufgehoben sein – das heißt aber noch lange nicht, so will es Randts Roman, so will es die Wirklichkeit, dass es dadurch leichter wird.

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County. Roman. Berlin Verlag, 2011.

190 Seiten, 18, 90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar