Kultur : Nahost: Der Preis des Friedens

Cordelia Edvardson

Zum ersten Jahrestag von Ariel Scharons Amtsantritt gibt es weder Kuchen noch bunte Luftballons. Und statt Süßigkeiten könnte man vielleicht Valiumtabletten verteilen. Die Jerusalemer Tierärzte, die den verstörten Hunden und Katzen in besonders gefährlichen Stadtteilen schon Beruhigungsmittel geben, haben bestimmt auch für Frauchen und Herrchen etwas Geeignetes.

Den wenigsten Israelis ist heute nach Feiern zumute. Erstmals seit seinem Amtsantritt hat Scharon nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit hinter sich. Jüngsten Meinungsumfragen zufolge sind 53 Prozent der Israelis unzufrieden, 73 Prozent der Befragten finden sogar, dass der Ministerpräsident sie mit seinen Wahlversprechen getäuscht habe. Zugesagt waren "Frieden und Sicherheit", eingetreten ist das genaue Gegenteil. Nie zuvor hat es so viele Tote und Verwundete unter Soldaten und Zivilisten gegeben wie bei den palästinensischen Anschlägen der letzten Monate und Tage. Dass die Palästinenser sehr viel mehr Todesopfer zu beklagen haben, ist kein Trost.

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Frieden? Israelis und Palästinenser wissen gar nicht mehr, wie man dieses Wort buchstabiert. Scharon spricht vom "Krieg, den wir gegen einen grausamen und unerbittlichen Feind führen. Es gibt keine politischen Lösungen mehr, nur noch militärische. Wir kämpfen für unser Land. Dieser Krieg wird nicht leicht und auch nicht rasch beendet sein - aber mit Standhaftigkeit und Entschlossenheit werden wir ihn gewinnen."

Pardon, welchen Krieg meint Scharon? Israel verfügt über die schlagkräftigste und modernste Armee in der Region, doch wo sind die Panzer, Kampfhubschrauber, Schützenwagen und lasergelenkten Raketen der Palästinenser? Wo sind ihre Stahlhelme und kugelsicheren Westen? Die blutigen Anschläge der Palästinenser werden überwiegend mit den "Waffen der Armen" verübt, und gerade deshalb sind sie so verheerend - nicht nur für die israelischen Soldaten, viel mehr noch für hilflose, schutzlose Männer, Frauen und Kinder. Der Selbstmordattentäter weiß, dass er sterben wird, seine Waffe ist sein Körper, und sein einziges Ziel ist es, möglichst viele "Feinde" mit in den Tod zu reißen. Natürlich ist das alles keine Verteidigung jener, die junge Leute in einer Disco hinmetzeln oder Kinder, die in einer Pizzeria den Schulabschluss feiern. Und wer wahllos Babys mitsamt ihren ultraorthodoxen Eltern ermordet, die gerade das Abendgebet gesprochen haben, kann ebensowenig mit meiner Sympathie rechnen. Es schadet jedoch nicht, über den Zusammenhang nachzudenken. Und wie heißt es in der "Dreigroschenoper": "Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so."

Nach Ansicht eines Leitartiklers der Zeitung "Haaretz" ist Scharons Argument "Wir kämpfen für unser Land" nichts als Betrug. Bedroht sei nicht die Existenz Israels, sondern Scharons Hätschelkind, die Siedlungen in den besetzten Gebieten. Viele dieser Siedlungen hat Scharon persönlich errichtet, um die Entstehung eines selbständigen palästinensischen Staates zu verhindern. Was die Palästinenser bekommen sollen, wäre bestenfalls eine Art Bantustan. Seine alte Doktrin, dass es bereits einen palästinensischen Staat gibt, nämlich in Jordanien, hat Scharon anscheinend aufgegeben. Um seine Idee "Jordanien ist Palästina" zu realisieren, war er sogar bereit, Arafat seine Hilfe anzubieten, falls dieser beschließe, König Hussein zu stürzen. Als Dank sollte Arafat ein für allemal auf das Westjordanland verzichten, das den Rechten als ewig unverrückbares "Kernland" Israels gilt.

Nach König Husseins Friedensvertrag mit Israel, den Scharon genauso ablehnte wie den Friedensschluss mit Ägypten, musste Scharon seinen Traum von einer politischen Neugestaltung begraben. Dass er als politischer Architekt nicht sonderlich erfolgreich ist, dürfte er spätestens nach seinem gescheiterten Versuch eingesehen haben, im Libanon eine proisraelische Regierung zu installieren - ein militärisches Abenteuer, das Hunderte israelischer Soldaten und Tausende Libanesen mit dem Leben bezahlten. Und doch - wäre es möglich, dass sogar Scharon aus Erfahrungen lernt? Erst kürzlich erklärte er, dass es keine Verhandlungen gebe, solange die Palästinenser nicht in die Knie gingen und um Gnade bäten. Bis dahin würden sie seine "eiserne Faust" zu spüren bekommen.

Inzwischen hat er eine dramatische Kehrtwendung vollzogen: Heute erklärt Scharon, er sei bereit, "unter Feuer" zu verhandeln, was er bislang verächtlich abgelehnt hatte. Nur die Allerblauäugigsten dürften darin einen wirklichen Sinneswandel erblicken. Es ist kein Geheimnis, wer Scharon drängt. Die Amerikaner, die in der israelisch-palästinensischen Suppe am liebsten nicht herumrühren würden, stellen nun fest, dass sie jeden Moment anbrennen und der Brand auf andere, strategisch wichtige Regionen des Nahen Ostens übergreifen kann. Die Saudis sollen Präsident Bush klargemacht haben, dass alles seinen Preis habe. Wenn er wolle, dass sie stillhalten, während er den Irak ins Visier seines Kreuzzuges gegen den Terrorismus nimmt, müsse er zuerst Scharon die Daumenschrauben ansetzen und den Palästinensern eine Atempause ermöglichen und ein bisschen Hoffnung geben. Wie so viele Autokraten der arabischen Welt befürchten auch die Saudis, das Feuer der Intifada könnte ihre nach Demokratie dürstende Bevölkerung erfassen.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Friedensplan des saudischen Kronprinzen Abdallah zu sehen. Faktisch ist es nichts anderes als eine Neuauflage der UN-Resolution 242 (besetztes Land gegen Frieden). Das Besondere liegt darin, dass es die Saudis sind, Hüter der heiligsten Stätten der Muslime, die Israel an den Tisch der arabischen Staaten bitten. Für die Israelis war die Anerkennung des Existenzrechts des jüdischen Staats stets ein Traum, von dem nur die wenigsten glaubten, er könne in absehbarer Zeit verwirklicht werden. Tragischerweise kommt das Angebot zu einem Zeitpunkt, da der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon heißt. Der findet den saudischen Plan zwar "interessant", aber ein Rückzug aus den besetzten Gebieten ist in seiner Kosten-Nutzen-Rechnung ein viel zu hoher Preis für Frieden und Anerkennung.

Doch könnte es sein, dass Scharon diese Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Seine aggressive, dickschädelige Politik gründet auf seiner Überschätzung des realen Einflusses der extremen Rechten und seiner Sorge, die Macht an Benjamin Netanyahu zu verlieren - der sich als der Mann empfiehlt, der mit dem Terror endgültig aufräumen, das heißt noch brutaler vorgehen werde als Scharon. In jüngster Zeit zeigt sich jedoch, dass Scharon in erster Linie weder Netanyahu noch dessen rechtsextreme Klientel fürchten muss. Immer mehr Israelis begreifen nämlich, dass Scharon sie an den Rand des Abgrunds geführt hat. Auch Scharons Wirtschaftspolitik wird von 78 Prozent der Israelis angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit, der insgesamt stagnierenden Ökonomie und der desolaten Tourismusbranche mit "ungenügend" benotet. Es hilft nichts, wenn Souvenirgeschäfte den "tapferen Touristen", die sich nach Israel trauen, enorme Rabatte versprechen.

Vielleicht der wichtigste Hinweis auf eine Neubesinnung in Israel ist jedoch die Tatsache, dass die Friedensbewegung (besser gesagt, ihre vielen Gruppierungen) wieder aufgewacht ist. "Peace Now", die größte Bewegung, war nach Baraks Wahlniederlage, für die er Arafats mangelnden Friedenswillen verantwortlich machte, in einen tiefen Winterschlaf gefallen. Nun hat sie sich aufgerafft und veranstaltet fast täglich Demonstrationen unter dem Motto "Raus aus den besetzten Gebieten, zurück zu uns!" Dieser Appell ist auch Ausgangspunkt für die wachsende Bewegung israelischer Reserveoffiziere, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern. Diese Soldaten fühlen sich als Patrioten, und eben deswegen wollen sie sich nicht an Kriegsverbrechen beteiligen, die Israel ihrer Ansicht nach in den besetzten Gebieten verübt. Wir stehen zur Armee, erklärte einer dieser Offiziere, und werden ihre Ehre verteidigen. Ein Ton, der auch General Scharons Anhänger trifft.

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