Kultur : Narzistischer Reigen

KATJA REISSNER

In einer Zeit, in der fast jeder, der auf sich hält, seine Homepage im Internet hat, sein Image aufbaut und der eigenen Persönlichkeit ein medial vermitteltes Design verpaßt, sind auf die Wand geschriebene Privatobsessionen so gar nicht in.In der geschmeidigen Times kursiv, die eine gestochene Klarheit und zugleich den Fluß von geschriebener Schrift besitzt, hat Andrea Scrima schwarz ihre Texte mit einem luftigen Zeilendurchschuß auf die weiß getünchten Wände der Museumsakademie gesetzt.

Die gebürtige New Yorkerin schreibt in englischer Sprache.Die Texte handeln von Träumen der Künstlerin und verweisen auf Archetypen des kollektiven Unbewußten.Sie beschreiben Situationen, die davon erzählen, wie sich jemand ausgesetzt und gefährdet vorkommt, wie er Verlust erfährt.Sich die Zunge zu Mus zerkauen, sich den eigenen Fuß abschneiden, nackt sein, aus großer Höhe fallen: Psychische Zustände manifestieren sich in körperlichen Splatterphantasien.Jeder kennt ähnliche Träume, und wenn es auch nur ein bestimmtes Kontingent an Erzählungen gibt, kann dieses doch immer wieder neu geäußert werden, als ein Menetekel, das sich sowohl von den PsychoPornos in den Medien distanziert wie auch von der Amüsier- und Wohlfühlkunst, bei der das Individuum hinter dem Spiel mit Marken und Zeichen verschwindet.

Andrea Scrima unterhält in ihrer Arbeit eine Beziehung zwischen Texten, Bildern und Objekten.Sie setzt vorgefundenes FotoMaterial ein oder fotografiert selber, sie malt Ölbilder, auf denen eine zarte Schrift erscheint, und sie präpariert Objekte in einer sehr speziellen Weise.In der Museumsakademie werden die Texte von Fotos begleitet, die teilweise zwischen den Worten stehen.Sie verweisen mehr auf Stimmungsnuancen, als daß sie etwas inhaltlich dokumentieren wollten.Die blaue Stunde zwischen Nähe und Gefährdung wird durch zwei Köpfe angedeutet, der des Mannes scharf im Profil, die Frau mit zugewandtem Gesicht verschwommen im Hintergrund.

Was man auf den warmtonigen Oberflächen der Fotos sieht, ist meist nur schemenhaft erkennbar, vielleicht erscheinen Muttermale auf der Haut.Es geht um Oberfläche und Substanz und ihre Spiegelung.Ist die wahre Substanz durch den Traum repräsentiert und das alltäglich wache Subjekt die Oberfläche davon? Ist der Text Spiegel des Bildes oder umgekehrt? Ein selbstreferentieller, narzistischer Reigen entsteht zwischen den Medien und ihren einerseits drastisch präzisen Schilderungen und andererseits vagen Botschaften.

Im Entrée sieht man Gemälde mit Schrift sowie Objekte.Es geht um ein klassisches Problem der Repräsentation.Die Gemälde verweigern das naturalistische Stilleben, aus welchem man die Früchte greifen zu können meint.Die authentischen Objekte - Bananen, Zitronen, Pilze oder Getränkedosen - verweigern appetitliche Berührbarkeit und sind auf geradezu grotesk vergebliche Weise präpariert: Mit weißer Farbe angemalt und darunter in vielen Schichten erstarrt, als wolle die Malerei unbedingt ihren Verfall beherrschen.Ausgepreßte Zitronenhälften, bleich und hart von weißer Farbe, sowie andere Substanzen in Schachteln, die den Körper für das tägliche Leben fit machen.Die Künstlerin scheint sagen zu wollen: Ich bin soundsoviele ausgepreßte Zitronen, um überhaupt zu funktionieren.Die Bilder werden nur dadurch zu glaubwürdiger Malerei, daß sie Text abbilden, während sich die Objekte der Malerei anzunähern scheinen.

Die Tradition obsessiver Spurensicherung des eigenen Lebens ist der eine Strang, an den Andrea Scrima anknüpft, die strukturelle Textualisierung der andere.Auch sie stellt sich als Künstlern eine alte Frage: Wo wird das Private öffentlich?

Museumsakademie, Rosenthaler Straße 39, bis 17.Oktober; Dienstag bis Sonnabend 14-19 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben