NBK : Wie frei ist die Meinung?

Fragen über Fragen: Eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein beschäftigt sich mit der "Freedom of Speech".

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Kunst, Politik oder Propaganda? Blick in die Ausstellung im NBK.
Kunst, Politik oder Propaganda? Blick in die Ausstellung im NBK.Foto: NBK

Es braucht nur ein Wörtchen, um die Ausstellung in die Aktualität zu katapultieren. Um ihr noch einen Grund mehr zu geben, dass die Kunst zum richtigen Zeitpunkt den Finger in die Wunde legt. „Wikileaks“ ist das Wort, und der Künstler Dan Perjovschi hat es mit einem Edding-Stift auf eine Säule mitten im Neuen Berliner Kunstverein geschrieben, es ist nun Dreh- und Angelpunkt in einer von den Ereignissen der letzten Wochen überrumpelten Schau, die sich mit der Meinungsfreiheit beschäftigt, mit der „Freedom of Speech“, so der Titel der Ausstellung.

„Ist alles, was nicht sanktioniert werden kann, erlaubt?“

Die Ausstellungsmacher stellen Fragen, die in großen Buchstaben an den Wänden zu lesen sind. Auch hier fällt einem in diesen Tagen als Erstes die Online-Enthüllungsplattform Wikileaks ein. Im Kunstverein wird unter diesem Kapitel das Projekt „Schutzehe“ der Künstlerin Silke Wagner vorgestellt. Wagner verwendet den positiv besetzten Begriff anstelle von Scheinehe. Verträge zum Schein gebe es nicht, findet sie. Stattdessen sei Heiraten eine „legitime Form der Aufenthaltssicherung“. Denn eine Eheschließung könne Asylanten rechtlichen Schutz geben und sie davor bewahren, abgeschoben zu werden. Eine Broschüre zum Thema musste Silke Wagner in einer ihrer letzten Ausstellungen entfernen: Sie leiste Anstiftung zu einer Straftat, so der Vorwurf.

„Ist die Kunst der letzte Schutzraum der Meinungsfreiheit?“

Noch so eine Frage. Olaf Metzels silbern glänzende Skulptur sorgt schon für Aufmerksamkeit, wenn der Besucher noch auf der Straße ist. Sie steht so im Raum, dass sie durch die Fensterfronten des Neuen Berliner Kunstvereins in der Chausseestraße in Mitte gut sichtbar ist: eine nackte Frau mit Kopftuch. Immer wieder beginnen Passanten, darüber zu diskutieren. Was würde geschehen, wenn sich Metzels Kunstwerk nicht in den Ausstellungsräumen befinden würde, sondern tatsächlich im Freien?

Eine Vorstellung davon liefern kurze Filme mit wütenden Protesten gegen Olaf Metzels Kunst im öffentlichen Raum, die man sich in der Ausstellung zusätzlich auf iPhones anschauen kann. Noch werden die Handys kostenlos an die Besucher verteilt, denn die Firma Apple lässt mit der Prüfung der extra für die Ausstellung entwickelten App auf sich warten. Eigentlich sollte man sich die Anwendung von der Kunstvereins-Internetseite gleich auf das eigene Gerät ziehen können.

Aber die Panne dürfte den Ausstellungsmachern nichts ausmachen, passt sie doch perfekt ins Konzept. Auch der Berliner und der Hamburger Kunstverein, in dem eine parallele Schau läuft, werden von einem Großkonzern kontrolliert. So viel zur Freiheit.

„Gibt es ethische und moralische Grenzen der Meinungsfreiheit?“

Die Gliederung der Werke nach Fragestellungen erweist sich mehr und mehr als brillante Idee. So knüpfen sich von selbst Argumentationsketten, entwickeln sich Gedankengänge vom Hundertsten ins Tausendste. Und der Neue Berliner Kunstverein spricht sich auf diese Weise zwar klar für die Redefreiheit aus, gibt aber keine simplen Antworten.

Bemerkenswert ist vielmehr die gleichsam im Raum schwebende Erkenntnis, dass Antworten auf sich warten lassen, und das seit vielen Jahrzehnten. Kunst als Form des politischen Engagements, als Propaganda, Protest oder Pamphlet: Der geschichtliche Bogen reicht von den „Bunten Kriegsbildern“ eines deutschen Karikaturisten von 1914 über die Parteizeitschrift-Titelbilder der US-amerikanischen „Black-Panther“-Bewegung aus den sechziger und siebziger Jahren, den Altmeister der politischen Kunst Hans Haacke und seine Serie über den Schokoladenfabrikanten Peter Ludwig, der mit seiner Kunstsammlung Einfluss auf Museen nahm, bis zu Christoph Schlingensief, der in Zürich einen „Hamlet“ mit Laiendarstellern aus der Neonaziszene aufführte. Auch Klaus Staeck und seine Plakatkunst dürfen natürlich nicht fehlen. Ausgangspunkt für die Ausstellung seien die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung gewesen, heißt es im Eingangstext. Der Eklat ist bereits fünf Jahre alt, die Debatte darum bis heute nicht entschärft. In der Chausseestraße hängen nun die originalen Zeitungsseiten. Wie viele Menschen diskutierten bereits über sie, ohne sie sich jemals angeschaut zu haben? Noch so eine Frage, die man an die Wände schreiben könnte.

Neuer Berliner Kunstverein. Chausseestraße 128/129, noch bis zum 30. Januar, Dienstag– Sonntag von 12 Uhr bis 18 Uhr, Donnerstag 12 Uhr bis 20 Uhr

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