Netrebko und Barenboim : Wenn die Gefühle den Hals zuschnüren

Der Zauber russischer Romanzen: ein Gespräch mit Opernsängerin Anna Netrebko und Dirigent Daniel Barenboim.

Herzig: Daniel Barenboim und Anna Netrebko
Herzig: Daniel Barenboim und Anna NetrebkoFoto: dpa

Frau Netrebko, Sie sind inzwischen so berühmt, dass Sie singen können, was Sie wollen – der Saal ist in jedem Fall ausverkauft. Ihre Sängerkollegin Cecilia Bartoli nutzt ihren Starstatus seit langem, um vergessenes Repertoire wieder ans Licht zu bringen. Machen Sie sich jetzt zur Botschafterin des unbekannten russischen Repertoires?

NETREBKO: Die Idee gefällt mir gut, doch so einfach ist das nicht. Denn viele Menschen kennen die Mitschnitte jener Konzerte, in denen ich kurze Röcke trage, Arien singe, in denen das Wort Champagner vorkommt und am Ende meine hochhackigen Schuhe ausziehe, um zu tanzen. Genau das wollen sie immer wieder von mir sehen. Sonst sind sie enttäuscht.

Wenn Daniel Barenboim Sie aber einlüde, russische Raritäten an der Staatsoper zu singen wie Tschaikowskys „Iolante“?

BARENBOIM: Anna kann frei über mich und dieses Opernhaus verfügen.

Gibt es denn konkrete Pläne?

BARENBOIM: Wir haben eine Menge Projekte.

Russische Musik?

NETREBKO: Nein. Er hat mich zwar gebeten, die Tatjana in „Eugen Onegin“ zu singen, aber meine Stimme ist noch nicht bereit dafür.

Bei den Festtagen der Staatsoper war das Traumpaar der Oper wieder zu erleben, allerdings nicht am selben Abend: Rolando Villazon sang in „Onegin“, Sie haben den Liederabend gegeben. Wann werden Sie wieder gemeinsam auf der Bühne stehen?

NETREBKO: Unser Management arbeitet daran.

Was lässt sich aus der Stimmkrise von Rolando Villazon lernen?

NETREBKO: Er hatte ja ein gesundheitliches und kein Stimmproblem. So etwas kann jedem passieren. Rolando ist ein Künstler, der jeden Abend alles fürs Publikum gibt. Darum lieben ihn die Leute.

BARENBOIM: Wir Pianisten haben es einfacher, denn unser Instrument befindet sich außerhalb unseres Körpers, ist unabhängig, hat eigene Beine. Sänger dagegen können keinen Klavierstimmer rufen. Für den Pianisten besteht die größte Herausforderung darin, eins mit seinem Instrument zu werden. Sänger dagegen müssen es schaffen, Körper und Stimme zu trennen, vor allem auch psychologisch, um sich nicht zum Sklaven der Stimmbänder zu machen.

NETREBKO: Ich versuche, überhaupt nicht daran zu denken, dass ich mein Instrument 24 Stunden am Tag mit mir herumtrage. Wenn man zu sehr auf die Stimme achtet, wird man verrückt.

Müssen Dirigenten einschreiten, wenn sie sehen, dass ein Sänger dabei ist, seine Stimme zu überanstrengen?

NETREBKO: Das würden sie niemals tun!

Okay, sprechen wir über den Pianisten Daniel Barenboim. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm bei der Vorbereitung ihres russischen Romanzen-Abends?

BARENBOIM: Soll ich rausgehen?

NETREBKO: Es war wunderbar, wir haben eigentlich gar nicht gearbeitet, sondern einfach nur zusammen Musik gemacht.

Das Programm des Berliner Auftritts entsprach exakt dem ihres Salzburger Konzerts vom 2009. Brauchten Sie für das zweite Mal überhaupt noch Proben?

NETREBKO: Uns war noch sehr präsent, was wir in Salzburg gemacht hatten.

BARENBOIM: Und vor allem konnten wir uns gut daran erinnern, was wir verändern wollten.

Wer hatte die Idee zu diesem Programm?

BARENBOIM: Der Impuls kam von mir, denn ich wollte schon sehr lange mal einen Liederabend nur mit russischen Romanzen machen. Das ist ja ein ganz eigenes, faszinierendes Genre.

NETREBKO: Daniel dachte zunächst an einen reinen Tschaikowsky-Abend. Das war aber nicht möglich, denn die meisten Tschaikowsky-Romanzen sind nicht für meine Stimmlage geschrieben, sondern für Tenor, Bass oder schwere, dramatische Frauenstimmen. Also haben wir die andere Hälfte Rimsky-Korsakow gewidmet, seinen wunderbar einfachen Stücken, die so klar dahin fließen.

Weckt die Beschäftigung mit den Romanzen Jugenderinnerungen, Frau Netrebko?

NETREBKO: Die Romanzen gehören zum Pflichtrepertoire an russischen Musikhochschulen. Ich habe als Studentin viele schlechte Anfänger-Interpretationen gehört. Diese Erinnerungen musste ich jetzt löschen, um meinen eigenen Zugang zu den Stücken zu finden. Gerade bei Tschaikowsky sind die Gefühle oft so stark, dass man aufpassen muss, dass es einem nicht den Hals zuschnürt.

BARENBOIM: 1961 habe ich in Kanada ein Tschaikowsky-Programm mit dem Leningrad Philharmonic Orchestra unter Mrawinsky gehört. Ich war damals sehr überrascht, dass sich diese Sinfonien auch eiskalt spielen lassen, statt mit jener brennenden Leidenschaft, die ihnen immer zugesprochen wird. Eiskalt kann genauso expressiv sein wie lodernd heiß. Eine tolle Erfahrung. Seitdem reagiere ich allergisch auf konventionelle, sentimentale Tschaikowsky-Interpretationen.

NETREBKO: Davor hat mich auch mein Professor immer gewarnt: Singe Tschaikowsky nur so, wie es in den Noten steht. Diese Musik ist schon traurig genug, die braucht keinerlei zusätzliche Schluchzer!

Wie lässt sich die Intimität des Liederabends in einem so großen Saal wie der Philharmonie herstellen?

BARENBOIM: Normalerweise denkt man immer, nur die Musiker senden Signale in den Saal aus. Oft aber spüre ich auch, wie die Leute uns Künstlern durch ihre Aufmerksamkeit nahekommen. Gerade bei diesem Programm hatte ich den Eindruck, dass viele im Saal nicht nur den Melodien zuhören wollten, sondern sich auch mit den Texten der Romanzen auseinandergesetzt hatten, die ja sehr wichtig für das Verständnis sind.

NETREBKO: Ich hatte darum gebeten, dass fürs Programmheft wirklich gute Übersetzungen gemacht werden, die der originalen Poesie nahekommen. Wenn ich vom englischen Text nur die Hälfte der Worte kenne, dann ist es richtig.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

ZUR PERSON

Anna Netrebko ist derzeit wohl die weltweit bekannteste Opernsängerin. Der kometenhafte Aufstieg der 1971 in Krasnodar geborenen Russin begann 2002, als sie bei den Salzburger Festspielen die Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“.

An der Seite von Rolando Villazon feierte die Sopranistin 2005 als „Traviata“ in Salzburg einen weiteren Triumph.In Berlin wurde sie unter anderem für ihre Interpretation der „Manon“ von Jules Massenet an der Staatsoper bejubelt.

Daniel Barenboim ist seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Zusammen mit Anna Netrebko präsentierte Barenboim am 29. März in Berlin ein Programm mit russischen Romanzen. Der Kultursender Arte strahlt den Mitschnitt des Auftritts in der Philharmonie an diesem Sonntag um 19.15 Uhr aus.

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