Neue Medien in der Bildenden Kunst : Vom Ölbild zum Video

Ursprünglich umfasste die Bildende Kunst Malerei und Skulptur. Heute reicht das Spektrum bis zu den Mediendiensten des Internets. Die UdK-Professoren Josephine Pryde und Pia Fries erklären, welchen Einfluss die neuen Medien haben.

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Studenten der Klasse Pia Fries montieren ein Werk.
Das Bild hängt schief: Studenten der Klasse Pia Fries montieren ein Werk.Foto: Pia Fries

Der Fernseher steht auf einem schwarzen Kasten vor einer Pappwand. Er ist an eine Steckdose angeschlossen, aber es fließt kein Strom, der Bildschirm bleibt schwarz. Wenige Meter daneben leuchtet ein quietschpinker Farbklecks von einer großformatigen Leinwand, weiße und grüne Bergkuppen sind zu erahnen, die rotweißen Dreiecke sehen aus wie Segel, die über eine blaue Fläche gleiten. Zum Gespräch mit den beiden Künstlerinnen Pia Fries und Josephine Pryde führt der Weg mitten durch die Ausstellungsvorbereitungen im lichtdurchfluteten Foyer der Fakultät für Bildende Kunst der UdK Berlin in der Hardenbergstraße.

Ein Stockwerk weiter oben, in der Cafeteria sitzen Pia Fries, Professorin für die klassischen Bereiche Malerei und Zeichnung an der UdK und vorher Gastprofessorin an der Karlsruher Akademie, und Josephine Pryde, seit 2009 Professorin für Zeitgenössische Fotografie und seit diesem Semester Prodekanin, bei einem Espresso zusammen. Um neue Medien in der Bildenden Kunst soll es im Gespräch gehen. Neue Medien, darunter versteht man im Allgemeinen die neuesten technischen Medienerfindungen, angefangen mit Fotografie, Radio und Film bis hin zur Digitalisierung und Mediendiensten wie dem Internet. Bildende Kunst umfasste ursprünglich Malerei, Bildhauerei und Zeichnung.

„Aber diese Einteilung in alt und neu funktioniert überhaupt nicht“, sagt die Malerin Pia Fries, Lachfältchen um die Augen. „Wenn wir bei dem, was wir tun, nicht auch immer die Vergangenheit reflektieren, sehe ich keine Zukunft.“ Der gebürtigen Schweizerin, die an der Kunstakademie Düsseldorf Meisterschülerin bei Gerhard Richter war und heute zwischen Düsseldorf und Berlin pendelt, ist ihre Herkunft noch anzuhören.

Josephine Pryde, bei der die englische Heimat ebenfalls durchklingt, sieht das ähnlich wie ihre Kollegin: „Bei meinen Foto- und Filmarbeiten setze ich mich oft auch mit der Geschichte des Mediums auseinander“, sagt die Künstlerin, die an Londoner Central St. Martins studierte und Gastprofessorin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien war, ehe sie an die Universität der Künste nach Berlin kam.

Begriffe wie „zeitgenössisch“ und „neu“ überholen sich ständig selbst, die Übergänge sind fließend. Das empfindet auch Pia Fries so: „Meine Studierenden binden das Internet ganz selbstverständlich in ihre Arbeit mit ein. Zum Beispiel laden sie Fotos herunter und nehmen diese als Ausgangspunkt für ihre Malerei oder Radierungen. Hier sehe ich das älteste Vervielfältigungsverfahren vernetzt mit einem technisch jüngeren System.“

Was für eine Rolle spielt es eigentlich, ob ein Kunstwerk nun Videoperformance oder Ölbild ist? „Nicht das Medium, sondern die Idee ist entscheidend“, sagt Josephine Pryde. Vielleicht lässt sich der Begriff ‚Neue Medien' am besten so erklären: Er beschreibt einen Bereich, in dem man Ideen entwickeln kann?

An dieser Stelle wird die Diskussion richtig hitzig: „Ach, Ideen hat man wie Sand am Meer!“ ruft Pia Fries. „Es kommt doch gerade darauf an, mit welchem Medium ich sie in eine bestimmte Form bringe und wie ich ihnen Ausdruck verleihe!“ Eine künstlerische Auseinandersetzung etwa mit dem Thema Kommunikation könne man genauso gut mit Ölfarbe wie mit einer Videoinstallation über Facebook ausdrücken, nur ist der Effekt eben jedes Mal ein anderer.

Für Pia Fries spielt die Entstehungsgeschichte einer Arbeit eine entscheidende Rolle. Angefangen hat sie mit der Bildhauerei, deshalb ist ihr die Haptik von Farben auch so wichtig. „Es kommt nicht nur darauf an, was aufgetragen wird, sondern genauso wichtig ist es zu sehen, wie etwas auf die Bildfläche kommt, der Duktus der Farben, die taktile Qualität. Die Oberfläche des Bildes ist vergleichbar mit unserer Haut: Beide geben Zeugnis von ihrer Entstehungsgeschichte. Dies ist der Unterschied zur Fotografie mit ihrer glatten Oberfläche.“

Für Pia Fries ist die Malerei unmittelbarer als Kunstformen, die sich aus den Neuen Medien speisen. „Da sitzt ja immer ein Apparat dazwischen: der Computer, die Kamera, das Tonband“, sagt sie. Die neuen Kunstformen wiederum sprechen mehrere Sinne an, den Hörsinn etwa, sie zeigen bewegte Bilder, sind vielfältiger als ein statisches Bild. Nur: Wenn der Strom nicht fließt, funktioniert auch die schönste Videoinstallation nicht. So hat eben jedes Medium, ob alt oder neu, seine Grenzen. Und seine Berechtigung.

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