Neue Nationalgalerie : So viel Mies wie möglich

Die Sanierung der Neuen Nationalgalerie hat begonnen. Was geschieht nun genau hinter den Scheiben des Mies-van-der-Rohe-Baus?

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Die Neue Nationalgalerie, fotografiert an diesem Mittwoch. Nach der Sanierung soll der Bau genauso aussehen wie vorher.
Die Neue Nationalgalerie, fotografiert an diesem Mittwoch. Nach der Sanierung soll der Bau genauso aussehen wie vorher.Foto: Thilo Rückeis

Die acht Konzerte der Elektropop-Pionierband Kraftwerk hat die Neue Nationalgalerie zu Berlin gut überstanden. Zum Glück, möchte man sagen. Denn der Zustand des seit vielen Jahren renovierungsbedürftigen Gebäudes ist mehr als bedenklich. Man konnte es zuletzt mit bloßem Auge erkennen: Glasscheiben waren gerissen, Fußböden beschädigt. Hinzu kommen eine veraltete Technik, Brandschutzprobleme und Schadstoffbelastungen.

Doch nun wird saniert. Seit Mitte Januar ist das Gebäude für die Öffentlichkeit geschlossen. In den Depots im Untergeschoss beginnen Restauratoren bereits, die 1400 wertvollen Kunstwerke der Sammlung transportfähig zu machen. Wenn die Kunst ausgelagert ist, ziehen auch die Mitarbeiter des Museums aus.

Das mit der Sanierung beauftragte Büro von David Chipperfield hat in den vergangenen zwei Jahren eine bauliche und denkmalpflegerische Analyse des Gebäudes vorgenommen. Nun liegt das Entwurfskonzept, einschließlich Kostenrechnung, vor. Drastische Maßnahmen stehen bevor: Mies van der Rohes Architekturikone der Moderne muss bis auf den Rohbau und die Stahlkonstruktion demontiert werden.

Exakt 101 27 6000 Euro soll die Sanierung kosten

Im Direktorenzimmer in der Neuen Nationalgalerie versammeln sich am großen Edelholztisch Hermann Parzinger, Präsident die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Joachim Jäger als stellvertretender Direktor der Nationalgalerie sowie Arne Maibohm, Projektleiter beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), das mit der Durchführung des Bauprojekts beauftragt ist. Gemeinsam mit Daniel Wendler, Projektleiter bei Chipperfield Architects, stellten sie die notwendigen Arbeitsschritte vor, um die 1968 eröffnete Neue Nationalgalerie fit für die nächsten 50 Jahre zu machen. Erstmals wurden auch Kosten genannt: 100 Millionen – exakt 101 276 000 Euro – soll die Grundinstandsetzung des Moderne-Tempels kosten.

Zum Vergleich: Der ebenfalls von Chipperfield realisierte Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Museumsinsel kostete 194 Millionen Euro, er fiel übrigens 39 Millionen Euro günstiger aus als in der Kalkulation vorgesehen. Auch die Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie ist teuer, sagen die Verantwortlichen, aber das entspricht der Bedeutung des Baus.

Das Geld bringt der Bund auf, der auch sonst sämtliche Baukosten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trägt. „Die genannte Summe wurde vom Finanzministerium bewilligt“, so Maibohm. Bis 2019 sollen die Bauarbeiten dauern, die Wiedereröffnung des Museums ist für das erste Halbjahr 2020 geplant.

Die Neue Nationalgalerie, fotografiert an diesem Mittwoch. Nach der Sanierung soll der Bau genauso aussehen wie vorher.
Die Neue Nationalgalerie, fotografiert an diesem Mittwoch. Nach der Sanierung soll der Bau genauso aussehen wie vorher.Foto: Thilo Rückeis

Die Schäden an Mies van der Rohes singulärer transparenter Konstruktion sind enorm. Das hatten die Architekten des Chipperfield-Büros bereits bei einer Konferenz Ende November deutlich zum Ausdruck gebracht. Mit einem „rusty car“, einem rostigen Auto vergleicht der britische Star-Architekt das Haus. Und wie bei einem wertvollen Oldtimer sollen die Originalteile so weit wie möglich erhalten bleiben. Das betrifft zum Beispiel die Natursteinplatten der Terrasse und des Sockels werden gereinigt und gewartet, nur wenige seien zerstört, so die Architekten. Anders verhält es sich bei den Glasscheiben im Obergeschoss, diese werden nicht erhalten, zumal die meisten ohnehin nicht mehr aus der Entstehungszeit stammen. Hier besteht die Herausforderung in der Größe: Der weltweit einzige Hersteller, der Scheiben in der benötigten XXLGröße herstellen kann, sitzt in China. Er hat bereits eine Probe-Scheibe geschickt.

Die Neue Nationalgalerie ist ein junges Denkmal - und doch ist ihre Erhaltung kostspielig

„Die Sanierung ist gelungen, wenn man am Ende so wenig wie möglich sieht“, betont Hermann Parzinger. „So viel Mies wie möglich“ gelte es zu bewahren, schließlich handele es sich um eines der Hauptwerke im Schaffen des Architekten, das im Ausland noch mehr beachtet und bewundert würde als in Berlin. Die Neue Nationalgalerie ist ein junges Denkmal. Und doch ist ihre Erhaltung kostspielig – und knifflig.

Über die Beseitigung der baulichen und technischen Schäden hinaus soll das Gebäude funktional weiterentwickelt werden und doch bleiben, was es ist, ein graziler Tempel aus Säulen. Garderobe und Museumsshop, derzeit im Untergeschoss behelfsmäßig positioniert – teilweise blockieren sie Fluchtwege – finden einen neuen Platz, da wo sich Depots und Lagerflächen finden. Diese wiederum werden im Sockelbereich entlang der Potsdamer Straße und der Sigismundstraße neu angelegt. Durch diese Veschiebung wird der von Mies van der Rohe ursprünglich konzipierte Ausstellungsrundgang im Untergeschoss wiederhergestellt.

Auch soll der seitliche Anlieferungbereich für die Kunst wachsen, er ist für heutige Anforderungen zu klein geworden. Künftig wird er die bisherigen Traforäume des Gebäudes mit einschließen. Eine neu gestaltete Zufahrt erlaubt es dann, die Terrasse barrierefrei zu erreichen, die jetzigen Rampen sind zu steil. Und im gläsernen Obergeschoss wird ein Personenaufzug eingebaut.

Die Belüftungsanlage im Kellergeschoss ist zwar Maßarbeit, aber auch sie muss verbessert werden, ihre Kapazitäten reichen nicht mehr aus. Das Problem: Die Luftabfuhr liegt im Grundwasserbereich, was ihre Erneuerung aufwändig macht. Zudem sind die Grundleitungen im Boden nicht mehr dicht und müssen neu verlegt werden. Auch dort wird eine Absenkung des Grundwassers notwendig, die Bagger werden tief schaufeln.

Was geschieht als nächstes? Dieses Jahr wird das Gebäude geräumt, alle Natursteinfassaden, alle Böden und weiteren Gebäudeteile werden demontiert, Depots müssen gefunden, Schadstoffe beseitigt werden. 2016 wird dann der eigentlich Rohbau saniert: Hier liegen Eisenstäbe an der Oberfläche, der Beton platzt hinter dem Naturstein ab. Das riesige Stahldach, ein Denkmal für sich, ist dagegen in recht gutem Zustand. Es ist stabil wie ein Brückenbau.

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