Kultur : Neue Netze

Das Goethe-Institut blickt nach Europa

Rüdiger Schaper

Wie ein weltweit agierendes Unternehmen der Kommunikationsbranche präsentiert sich das Goethe-Institut auf seiner durchmoderierten Jahrespressekonferenz im Berliner Hauptstadtbüro. Und so verkehrt ist der business-like Eindruck auch gar nicht. Unter der Führung von Präsident Klaus-Dieter Lehmann und Generalsekretär Hans-Georg Knopp hat sich die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in den letzten Jahren modernisiert. Das Goethe-Institut betreibe dabei kein „nation branding“, sondern es gehe vielmehr um „public value“, wie es Lehmann ausdrückt, um zivilgesellschaftlich-kulturelle Werte. Und um Englisch kommt offenbar auch nicht herum, wer im globalen Maßstab für die deutsche Kultur und Sprache wirbt. Als Exportschlager erweist sich immer mehr Kulturmanagement nach deutscher Art: Mit der Theaterakademie Schanghai hat das Goethe-Institut gerade eine mehrjährige Kooperation abgeschlossen.

Klaus-Dieter Lehmann spricht von einem „guten und ertragreichen Jahr“. In einer durchformatierten Welt setzt man auf dezentrale Arbeit, mit zunehmender Tendenz. Zwei neue Institute wurden 2009 eröffnet, in Nowosibirsk und in Luanda. In Gaza konnte ein sogenannter Dialogpunkt eingerichtet werden, ein Lesesaal mit Sprachlernmöglichkeiten. Überhaupt scheint die deutsche Sprache wieder an Attraktivität zu gewinnen: In Indien und in China unterhält „Goethe“ je ein halbes Dutzend Sprachlernzentren, dort, wo es keine festen Goethe-Niederlassungen gibt. Die stärkere Vernetzung zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit 175 lokalen deutschen Kulturgesellschaften in aller Welt. Mit dem Programm „Fit for Campus“ will das Goethe-Institut internationalen Wissenschaftlern, die in die Bundesrepublik kommen, Deutsch-Grundkenntnisse nahebringen.

Finanziell steht das Goethe-Institut solide dar. Dass dies in absehbarer Zukunft so bleibt, lässt auch der Koalitionsvertrag von CDU und FDP hoffen. Das Gesamtbudget beläuft sich 2009 auf 291Millionen Euro, davon sind 228 Millionen Euro Zuwendungen vom Auswärtigen Amt. Intern wurde erreicht, dass die Verwaltungsausgaben zurückgingen und der Ausgabenanteil für Projekte gewachsen ist. Mehr Geld also für die Kunst. Zu den großen Vorhaben für das kommende Jahr gehört ein Deutschlandjahr in Vietnam, 2011 geht es nach Indien. Das Für und Wider solcher traditionellen Programme wird auch in der Münchner Goethe-Zentrale diskutiert.

Dies gilt umso mehr für Europa. Hier soll in den nächsten Jahren der Schwerpunkt liegen. Also gleichsam vor der eigenen Haustür, wo man zwischen Skandinavien und dem Balkan den Blick schärfen muss. Während es in Fernost oder auch in Brasilien – da gibt es 2010 das Großprojekt eines Musiktheaters vom Amazonas unter dem Motto „Klang des Klimas“ – an Herausforderungen nicht fehlt, soll die Goethe-Arbeit auf dem alten Kontinent mit neuem Geist gefüllt werden. „Wir wollen das Feuer neu entfachen“, sagt Hans-Georg Knopp. Hier geht es um unsere nächsten Nachbarn, um Polen und Frankreich, und grundsätzlich um ein neues europäisches Nachbarschaftsgefühl. Nach dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags will man Europa nicht den Bürokraten überlassen. Demnächst soll die überarbeitete Europa-Strategie der Goetheaner vorgestellt werden, dazu gibt es im Mai eine Konferenz in Berlin auf dem Flughafen Tempelhof. „Ohne Nahkompetenz keine Fernkompetenz“, erklärt Lehmann, und so organisiert das Goethe-Institut Warschau etwas, das sich „The Promised City“ nennt – ein Projekt zwischen der polnischen Hauptstadt, Berlin und Mumbai. Europa ist groß und überall. Rüdiger Schaper

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