Kultur : Neue Nüchternheit

Weg ist die Kunst: Kölns selbstbewusster Umgang mit Sammlern

Johanna di Blasi

Das Verhältnis zwischen Sammlern und Museen hat sich in den vergangenen Jahren eingetrübt. Irritationen gingen dabei vornehmlich von Sammlern aus, die ihre Dauerleihgaben willkürlich abzogen wie unlängst Dieter Bock im Museum beim Moderne Kunst in Frankfurt. Der Verdacht erhärtete sich, dass hier öffentliche Museen als bequeme Aufbewahrungs-, Pflege- und Wertsteigerungseinrichtungen auf Zeit missbraucht wurden.

Ein neues Kapitel dieser besonderen öffentlich-privaten Partnerschaft wurde nun in Köln geschrieben, denn diesmal lag die Kränkung auf der Sammlerseite: Eleonore Stoffel, deren Ehemann im vergangenen Sommer gestorben ist, wollte die in vielen Jahren aufgebaute Privatkollektion museal versorgt wissen. Die Stoffels waren bislang vor allem mit einem öffentlichen Skulpturengarten in Erscheinung getreten, auf einem Grundstück, das die Stadt Köln mietfrei zur Verfügung stellt. Nun ging es um die Unterbringung und Versorgung von rund 200 der Öffentlichkeit unbekannten Werken der Gegenwartskunst mit einem Gesamtwert im zweistelligen Millionenbereich.

Der Direktor des Museums Ludwig, Kasper König, fasste die ihm gereichte Menükarte mit spitzen Fingern an. Er wollte nur einige ausgewählte Posten ordern: Frühwerke der Kölner Lokalmatadorin Rosemarie Trockel, daneben Mike Kelley und Marlene Dumas. Arbeiten von Immendorff, Lüpertz, Baselitz, Kippenberger lehnte er ab. Eine Übernahme des Skulpturenparks schloss König sogar kategorisch aus, da das „die Kräfte unseres Hauses“ übersteige.

Die klare Linie – statt Kuschelkurs das Bemühen um eine stringente Museumskollektion – kollidierte mit den Vorstellungen der Sammlerin. Die promovierte Kunsthistorikerin empfand das selektive Interesse als generelle Zurückweisung des eigenen Sammelansatzes: Die „mit viel Liebe und Kennerschaft“ zusammengetragene Sammlung sei „eine persönliche Leistung. Wer etwas gibt, hat auch das Recht, etwas zu bekommen. Ein paar Quadratmeter im Depot, ein, zwei Bilder, die ab und zu in den Museumsbestand integriert werden – das ist zu wenig.“

Auf diese Enttäuschung folgte ihr Entschluss, die Sammlung ganz aus Köln abzuziehen. Die eigentliche Kränkung aber stand erst noch bevor: mäßiges Bedauern seitens des Museums und der Stadt. Diese kühle Reaktion verwundert umso mehr, als die Kölner Nerven angesichts der Abwanderung einiger angesehener Galerien und des Verblassens der Kölner Kunstmesse blank liegen. Während andernorts, in London, Miami und zunehmend in Berlin, die Party immer mehr Fahrt gewinnt, wird am Rhein das schmutzige Geschirr abgeräumt.

Trotzdem ist die Gelassenheit gegenüber dem Abzug der Kollektion Stoffel nicht gespielt. Gerade Privatsammlungen sind Generationsprojekte – und viele Sammler, die auf der vor vierzig Jahren mit der Gründung des Kölner Kunstmarktes – der späteren Art Cologne – losgetretenen Welle des rheinischen Kunstkapitalismus surften, sind inzwischen im Rentenalter. Ihre Kollektionen fallen wie reife Früchte vom Baum. Würde das Museum Ludwig sie en bloc auflesen, würde es ernsthafte Probleme bekommen.

Im Kölner Auktionshaus Lempertz ist in den vergangenen Jahren vieles, was am Kunstplatz Köln erstanden wurde, mittlerweile eingeliefert worden. Auch Werke namhafter Künstler wurden da unter dem Galeriepreis versteigert – oder gelangten gar nicht erst unter den Hammer. So manche Sammlung erweist sich als weit weniger wert, als deren Besitzer sich jahrelang einbilden konnten.

Dennoch bleibt die Position der Sammler weiterhin stark. Die in den Museen üblich gewordene Trennung in klassische Moderne und zeitgenössische Kunst lässt Lücken im aktuellen Bereich besonders deutlich werden. Während die Ausstellungshäuser abwarten müssen, ob sich ein Künstler auf Dauer bewährt, können die Preise in kürzester Zeit in astronomische Höhen klettern – einen Neo Rauch können sich deutsche Museen kaum mehr leisten. In solchen Fällen bleibt den Institutionen nur noch übrig, bei reichen Kunstkäufern anzuklopfen. Bei der Münchner Pinakothek der Moderne, in deren Besitz die Kollektion Stoffel als Gesamtkonvolut nach Ableben der Sammlerin wandern wird, ist die Freude über den unverhofften Zuwachs denn auch groß. Man könne „gravierende Lücken“ schließen, heißt es aus München. Laut Vertrag werden Teile der Kollektion im Zweijahres-Turnus ausgestellt. Die Stoffel-Werke gehen übrigens als „unkündbare Dauerleihgabe“ nach München. Der Kunstbetrieb ist um einen hübschen Pleonasmus reicher.

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