Kultur : Neue Union

Die Angst geht um: deutsch-polnische Debatte in Neuhardenberg

Oliver Heilwagen

Kurz vor dem EU-Beitritt Polens stecken die deutsch-polnischen Beziehungen offenbar in einer Krise. Wie sie überwunden werden kann, war Thema einer hochrangig besetzten Tagung auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin. Die Polen würden ihr Negativ-Image in Deutschland als „notorische Diebe“ nicht los, klagt Adam Krzeminski, Redakteur der polnischen Wochenzeitung „Polytika“: „Vor sechzig Jahren haben sie Schlesien geklaut und vor zehn Jahren Autos; heute klauen sie Jobs.“ Umgekehrt nähren die Stiftung der Vertriebenen-Verbandschefin Erika Steinbach für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ und die Aktivitäten der vor vier Jahren gegründeten „Preußischen Treuhand“, die nach eigenem Bekunden Immobilien Vertriebener „in den preußischen Provinzen jenseits von Oder und Neiße“ einklagen oder zurückkaufen will, in Polen die Furcht vor einem Wiederaufleben revanchistischen Gedankenguts in Deutschland.

Seit dem Mauerfall war die Integration Polens in die westlichen Bündnisstrukturen von EU und Nato das höchste außenpolitische Ziel; dabei wurde Polen vom wiedervereinigten Deutschland tatkräftig unterstützt. Jetzt sei dieses Ziel erreicht, stellte Krzeminski fest: Es fehle aber an einer neuen strategischen Aufgabe für die Zukunft. „Deutschlands moralische Verpflichtung gegenüber Polen läuft aus und wird durch kein anderes Motiv ersetzt; nun tut sich eine Leere auf“, bedauerte auch Janusz Reiter, ehemaliger polnischer Botschafter in Deutschland.

Dafür machte Anna Wolff-Poweska, Direktorin des West-Instituts in Posen, einen Generationswechsel verantwortlich: Politiker, die noch den Krieg erlebt haben und daher bereit waren, Zugeständnisse zugunsten der europäischen Einigung zu machen, träten von der Bühne ab. Ihre Nachfolger betrieben eher kurzsichtige Interessen- und Klientelpolitik. Doch Wirtschaftsaustausch und politische Freundschaftsbezeugungen allein reichten nicht aus, um sich einander anzunähern, mahnten die Teilnehmer. Krzeminski erinnerte an die Montanunion, als Bonn und Paris nach dem Krieg Teile ihrer Souveränität an eine supranationale Einrichtung abgaben, um die Aussöhnung voranzutreiben: Nach diesem Vorbild sollten Berlin und Warschau eine „neue Montanunion“ zum Umgang mit der belasteten Vergangenheit gründen. Sonst drohe ein Rückfall auf den „geistigen Stand von 1943“ gegenseitiger Schuldaufrechnung, warnte auch Adam Michnik, Chefredakteur der größten polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Um dies zu vermeiden, empfahl Gesine Schwan, die Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, mehr Initiativen zur Entwicklung des „kulturellen Gedächtnisses“ auf beiden Seiten: „Nichts stiftet mehr Gemeinsamkeit als die Identifikation mit gemeinsamen Projekten.“

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