Kultur : Neuer CDU-Generalsekretär: Mit Rückfahrkarte

Robert Birnbaum

Angela Merkel verzieht ihr Gesicht. Und das ziemlich ausdauernd. Mit leicht gesenktem Kopf guckt die CDU-Vorsitzende die ganze Zeit geradeaus. Ob das, scheint Merkels Miene zu sagen, wirklich so eine gute Idee war, diesen Laurenz Meyer rechts neben ihr zum Generalsekretär der Partei zu machen? Was ihn denn sicher mache, hat gerade ein Journalist gefragt, dass er nicht auch nach einem halben Jahr den Hut nehmen muss wie der unglückselige Vorgänger? Na ja, hat der hochgewachsene Westfale fröhlich geplaudert, das habe er seiner künftigen Chefin vorhin ein bisschen flapsig auch schon gesagt: "Ich bin in einer viel stärkeren Position als Ruprecht Polenz - einen zweiten Missgriff können Sie sich nicht erlauben."

Immerhin hat er sofort gemerkt, dass mit diesem Satz etwas nicht in Ordnung war, zumal Merkel blitzschnell korrigiert hat: "Polenz war kein Missgriff!" Er hat dann umgehend beteuert, dass er das auch nicht gemeint habe, sondern dass Polenz nur in den Augen der Öffentlichkeit so erschienen sei, und dass er mit Polenz befreundet sei und ihn sehr schätze und es ihm leid tue, wenn das jetzt jemand in den falschen Hals gekriegt habe.

Aber er war ja mit seiner Antwort noch nicht ganz fertig. Also erzählt der 52-Jährige fröhlich lachend weiter, dass er beruflich abgesichert sei, weil ihm sein Arbeitgeber, der Stromkonzern VEW, "eine Rückfahrkarte" geben werde. Und dass solche Unabhängigkeit nur gut sei im politischen Geschäft: "Man darf nicht immer darauf schielen müssen, ob man bei der nächsten Wahl drei oder fünf Stimmen weniger bekommen könnte, wenn man jemandem auf die Füße getreten hat", betont er.

Unabhängigkeit, kein Zweifel, hat der künftige CDU-Generalsekretär nun erst mal reichlich unter Beweis gestellt. Das muss nichts Schlechtes sein. Auch wenn die Chefin von ihrem neuen Angestellten vielleicht nicht gleich am ersten Tag hören mag, dass er es erstens nicht nötig habe, hier zu arbeiten, und zweitens sie mehr auf ihn angewiesen sei als umgekehrt. Beides Hinweise, die um so unangenehmer sind, als sie ja richtig sind. Merkel weiß, dass ihr auf diesem Posten - der einzigen Personalie von Rang, die ein CDU-Chef alleine entscheidet - keine Fehlbesetzung mehr unterlaufen darf.

Anfangsfehler behoben

Der Fall Polenz ist noch glimpflich abgelaufen. Dass sie sich von dem allzu sanften "Brückenbauer" getrennt hat, und zwar rechtzeitig vor der Bundestagswahl, finden vom CDU-Präsidium über die CSU bis hin zu den Abgeordneten der Union nämlich die meisten richtig: "Sie hat den Anfangsfehler erkannt und behoben", lautet die allgemeine Einschätzung. Ein Zeichen von Schwäche und Stärke zugleich - "auf längere Sicht wird es ihr eher nutzen", prophezeit ein führender Christdemokrat.

Solche Einschätzungen stützen sich zum einen darauf, dass Meyer - anders als Polenz - Spaß an Polemik und Kampfgetümmel hat. Wenn der politische Gegner es unbedingt wolle, bekundet er am Dienstag, dann greife er statt zum Florett auch mal zum schweren Säbel. Apropos: Was er vom künftigen Gegenspieler Franz Müntefering halte? "Erst mal schätze ich an ihm, dass er aus dem Sauerland kommt", sagt Meyer, der aus Hamm kommt, also geographisch um die Ecke. Und Müntefering sei professionell. Was man daran erkenne, dass er, egal was er gefragt werde, immer nur seine auswendig gelernte Botschaft wiederhole. Eine Beobachtung, die erstens stimmt und zweitens deshalb um so boshafter ist.

Dass Meyer aus Nordrhein-Westfalen stammt, ist das zweite, was für Merkels Entscheidung spricht. Der einstige CDU-Fraktionschef in Düsseldorf ist im größten Landesverband der Partei beliebt. Mancher hat es bedauert, dass er - wie vorher abgesprochen - dem gescheiterten Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers den Fraktionsvorsitz überlassen hat. "Mit Meyer an ihrer Seite kann Merkel die notorischen Angriffe aus NRW natürlich besser parieren", sagt ein nordrhein-westfälischer Abgeordneter. Rüttgers hat das auch erkannt: Kein Zufall, dass er die Entlassung von Polenz für falsch erklärt und eindringlich vor einer Personaldebatte warnt - ein probater Weg, eben eine solche Debatte zu entfachen.

Die Berufung Meyers ist noch für einen anderen nicht unproblematisch: den Fraktionschef Friedrich Merz. Zwar hat der künftige General bekundet, dass er Merz unterstützen werde. Merkel hat gar Forschung betrieben und herausgefunden, dass der von Merz in die Ausländer-Debatte geworfene Begriff der "Leitkultur" von dem irakischen Orientalisten Bassam Tibi stamme, mithin unverdächtig sei. Aber dass Meyer, wenn sein Freund aus gemeinsamen Junge-Union-Tagen den nächsten Fehler begeht, bei Bedarf auch gegen Merz den Säbel auspackt, daran zweifelt keiner, der den neuen General aus alten Düsseldorfer Tagen kennt. "Wenn Merkel vor der Wahl auch den Fraktionsvorsitz an sich ziehen will, dann wäre Meyer der richtige Helfer", sagt ein Abgeordneter.

Kaum Zeit zur Einarbeitung

Freilich wehrt sich Meyer gegen allzu rasche Einordnung als künftiger Poltergeist der CDU. Er verstehe sich nicht nur als "Speerspitze", sagt der neue General in Anspielung auf ein Wort seines Vorgängers. Versuche, ihn mit Fragen nach dem Ausländer-Streit aufs Glatteis zu führen, pariert er denn auch nicht mit dem Säbel, sondern mit dem Florett: Zu diesem Thema müsse die Union jetzt erst mal selbst eine einheitliche Haltung finden, bevor über Wahlkampagnen auch nur nachgedacht werden könne. Ohnehin sei Kompetenz auf anderen Feldern wichtiger: der Wirtschafts- und Sozialpolitik vor allem.

Dass er solche Kompetenz vermitteln kann, wird er rasch zeigen müssen. Zwei Jahre vor der Bundestagswahl bleibt kaum Zeit zur Einarbeitung. Das weiß er so gut wie die Chefin. Mit ein Grund, weshalb sich im Adenauer-Haus alle beeilen, den Fauxpas des ersten Tages als undramatisch zu bewerten. Zumal Meyer Reue zeigte: "Sollte auch eigentlich mehr ein Scherz sein. Ist mir wahrscheinlich missglückt."

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