Kultur : Neuer Schwung für silbrige Töne

Die Alte-Musik-Szene Berlins rettet mit der Gründung der „Early Music Society“ den Konzertsaal in Friedenau.

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Im Kammersaal des in der nachweihnachtlich verschlafenen Isoldestraße in Friedenau gelegenen Kronprinzenhauses hebt Franz Bullmann den Deckel von einem zierlichen italienischen Hammerflügel, dessen leichter Rundrücken die Last von 200 Jahren Saitenzug verrät. Bullmann schlägt die schmalen Tasten an. Es sind feine silbrige Töne, doch sie genügen, um den Saal bis in den letzten Winkel zu füllen.

Man muss den perfekten Dreiklang aus räumlichen Proportionen, Akustik und Geschichte erlebt haben, um zu verstehen, warum dieser versteckte, nur 99 Zuhörer fassende Raum einst zu einer der wichtigsten Aufführungsorte Alter Musik in Berlin werden konnte. Und warum Menschen wie Franz Bullmann – verantwortlich für die Programmplanung der Gesellschaft der Freunde der Friedenauer Kammerkonzerte – dafür kämpfen, dass dieser Anspruch bestehen bleibt – zur Not auch gegen die wirtschaftliche Logik.

Seit 1986, als Bradford Tracey, blutjunger Professor für historische Tasteninstrumente an der Hochschule der Künste, und sein Freund Rolf Junghanns den Saal für ihre „Friedenauer Kammerkonzerte“ umbauten, ist die Grundidee die gleiche geblieben: Musik vergangener Zeiten in einer Weise zu spielen, die den Aufführungsbedingungen ihrer Entstehungszeit entspricht. Und zu diesen Bedingungen gehört für ein Großteil des Repertoires auch der intime Salon. Dass sich das auf Dauer nicht rechnet, musste Mozart, Beethoven & Co. noch nicht kümmern: Sie spielten vorrangig in den Häusern von Adligen und großbürgerlichen Mäzenen. Die Friedenauer Kammerkonzerte gerieten hingegen nach dem frühem Tod der Gründer und dem Ende der Senatsförderung nach der Wiedervereinigung in eine schizophrene Situation: Während sich die Idee der historischen Aufführungspraxis durchsetzte und auch die großen Konzertsäle eroberte, kämpfte man in Friedenau um den Fortbestand der Reihe. Als die Universität der Künste, die hier als Untermieterin Proben und Examenskonzerte veranstaltete, im März 2011 ihre Zusammenarbeit aus Kostengründen aufkündigen wollte, stand man vor dem Aus.

Gerettet wurde der Konzertort nun durch das Entgegenkommen des Hauseigentümers Joachim Perle und die Gründung eines neuen Vereins: Der „Early Music Society Berlin“ (EMS), die künftig als Hauptmieter auftritt. Die Finanzierung der einzelnen Konzerte bleibt weiterhin von Sponsoren und privaten Spendern abhängig, doch eine dauerhafte Grundlage für den Konzertbetrieb ist geschaffen – und auch der Verbleib der kostbaren Tasteninstrumentensammlung sowie die Nutzung durch die UdK ist gesichert.

Die Rettungsaktion soll bloß die Initialzündung für weitere Aktivitäten sein, um die Alte Musik in Berlin zu stärken, erläutern die Vereinsvorsitzende Karen Greve und der künstlerische Leiter der EMS, Christoph Huntgeburth. Denn obwohl immerhin Kulturstaatssekretär André Schmitz zu den Unterstützern des Vereins gehört, tut sich Berlin im Gegensatz zu Städten wie Köln oder Bremen schwer damit, sich als Alte-Musik-Hochburg zu begreifen. Zwar ist die Zahl der in Berlin ansässigen Musiker und Instrumentenbauer hoch. Doch obwohl die historische Aufführungspraxis die Hör- und Spielgewohnheiten bis hin zu den Philharmonikern einschneidend verändert hat, wird sie förderungstechnisch nicht als eine der Neuen Musik gleichwertige innovative Szene wahrgenommen. Dies zeigt sich auch in der Ausbildung: Obwohl von Berlin mit Persönlichkeiten wie der Cembalopionierin Wanda Landwoska schon Anfang des 20. Jahrhundert entscheidende Impulse für die historische Aufführungspraxis ausgingen, gibt es an der UdK zurzeit nur zwei Professoren für Alte Musik.

Die EMS soll der Szene neuen Aufschwung geben und durch die Vernetzung von Musikern, Wissenschaftlern und Hörern auch einen Kontrapunkt zu Eventkultur und rein passivem Musikkonsum setzen, wie Karen Greve betont. Im Oktober 2012 wird ein Symposium zu Friedrich II. und seinen Musikern ein Zentrum der Aktivitäten bilden und 2013 startet der „Berliner Bach Wettbewerb“ für Ensemblemusik – der auch daran erinnert, das immerhin gleich zwei Bach-Söhne über Jahre die Musikszene an der Spree mit prägten. Wie bei den Friedenauer Kammerkonzerten wird es wohl weiterhin auf bürgerliches Engagement ankommen, damit dieser Teil des klingenden musikalischen Erbes für Berlin nicht verloren geht.

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