Neuer Verlag : Bücher aus dem Bauch

Wer Trends bedient, hat schon verloren: Der Secession Verlag, eine mutige Neugründung

Marianna Lieder

Irgendwie schafft es Christian Ruzicska, gleichzeitig beiläufig und euphorisch zu wirken, wenn er das Glaubensbekenntnis des Independent-Verlegers aufsagt: „Ich mache die Bücher, die mir gefallen. Nur wenn mich Literatur komplett betrifft, kann ich sie weitergeben.“ Seinen literarischen Geschmack teilt der 40-Jährige mit der 38-jährigen Susanne Schenzle. Beide lernten sich 2005 auf der Frankfurter Buchmesse kennen. Vor einem Jahr machten sie beim Handelsregister in Zürich die Gründung eines neuen Verlags amtlich: Secession, so der Name des Zwei-Personen-Unternehmens. Der Geschäftssitz befindet sich in einer Containersiedlung fürs Kreativgewerbe am Rande der Schweizer Finanzmetropole. Zur Berliner Dependance wurde Ruzicskas Wohnung in Prenzlauer Berg.

Jetzt liegen die Bücher, die Schenzle und Ruzicska gefallen, in den Buchhandlungen, vier Romane in puristischem Einheitsdesign: ein deutschsprachiger Romanerstling und drei Wiederentdeckungen des 20. Jahrhunderts. Das Programm, mit dem der Secession Verlag diesen Herbst auf dem Buchmarkt debütiert, bedient weder Trends noch bestimmte Zielgruppen, sondern folgt einem klassisch-emphatischen Literaturbegriff.

Über Magda Szabó war man sich sofort einig. „Die Elemente“ lautet der Titel ihres Familiendramas im Budapest der sechziger Jahre. Von der Grande Dame der ungarischen Literatur war in den deutschen Feuilletons zuletzt die Rede, als sie 2007 starb, Jahrzehnte zuvor hatte Ivan Nagel in der „Zeit“ ihre Romane als „literarische Höllenfahrten“ gefeiert. Ruzicska will die Leser der Gegenwart durch dieses Inferno jagen. Für die Zukunft hat sich Secession das Gesamtwerk der Ungarin vorgenommen.

Bei den anderen beiden Ausgrabungen, der Französin Hélène Bessette und dem amerikanisch-jüdischen Romancier Ludwig Lewisohn, war Ruzicska selbst als Übersetzer tätig. Um Szenen einer Ehe in der New Yorker Gesellschaft zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geht es in Lewisohns „Der Fall Crump“. Starintellektuelle der Alten Welt wie Thomas Mann und James Joyce geizten nicht mit Lob, als der Roman in den zwanziger Jahren in Europa erschien. In den USA durfte er erst 1946 publiziert werden, avancierte dann prompt zum Bestseller. Bessette hingegen blieb bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren etwas für Eingeweihte. In Frankreich hat man gerade erst begonnen, sich auf die widerständige sprachliche Schönheit ihres Werks zu besinnen. Mit „Ida oder das Delirium“, einem poetisch-analytischen Panoptikum der Perspektiven, die um den Selbstmord einer Hausangestellten kreisen, liegt erstmals einer ihrer Romane auf Deutsch vor.

In effektvollem Kontrast zu Bessettes mit den Mitteln der klassischen Avantgarde durchkomponierter Prosa steht die nach-postmoderne, schwarzhumorige Drastik von Steven Uhlys „Mein Leben in Aspik“. Der einzig lebende Autor im Secession-Quartett lässt in seinem literarischen Debüt eine BRD-Familiengeschichte zur Inzestgroteske mit Parabelcharakter werden.

Wer sich dem Verlegen anspruchsvoller Texte verschreibt, tut das nicht des Geldes wegen. Buchmachern wie Ruzicska und Schenzle geht es in erster Linie um die Erfüllung immaterieller Begehrlichkeiten – schöngeistige Scheuklappen können sie sich trotzdem nicht leisten. Einen Mäzen im engeren Sinne, der so manch ambitioniertem Kleinverlag das Überleben auf dem Buchmarkt überhaupt erst ermöglicht, gibt es für Secession nicht. Starthilfe erhielt man in Form eines Privatdarlehens. Das übrige Kapital der Verlagsgründer besteht aus einer heiter-idealistischen Bereitschaft zur Selbstausbeutung, der nötigen Portion Größenwahn und Branchenerfahrung.

Vor der Secession leitete Schenzle sieben Jahre lang den Vertrieb des Ammann Verlags, der 2009 den Literaturbetrieb durch die Nachricht seiner Geschäftsaufgabe schockierte. Ruzicska war zuletzt als Programmleiter bei Henschel beschäftigt. Einen Namen als Gründer hat er sich bereits Ende der neunziger Jahre gemacht: Noch keine 30, erfand er gemeinsam mit Michael Zöllner den Tropen Verlag. Innerhalb kürzester Zeit mauserte sich das studentische Büchermacher-Provisorium zum Idealfall eines Independent-Verlags, zum Wunderkind der Branche, das kompromisslos die eigenen Vorstellungen umsetzte und trotzdem schwarze Zahlen schrieb.

Zu einem unerwarteten Kurswechsel kam es 2007. Tropen wurde als Imprint bei Klett-Cotta eingegliedert. „Ich konnte damals zwar nicht mehr eingreifen“, kommentiert Ruzicska die Fusion, „hätte aber einen Verlag wie Tropen gerne weiterhin in seiner Eigenständigkeit gesehen.“

Für Secession, darüber sind sich die beiden Neuverleger Schenzle und Ruzicska einig, käme ein derartiger Zusammenschluss mit einem größeren Haus niemals in Frage.

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