Kultur : Neues Bauen in Berlin: Einblick mit Durchblick

Jürgen Tietz

Ein wenig Pomp muss sein. Das gilt auch für die Fassade der Hamburger Landesvertretung in Berlin-Mitte, die mit ihren dekorativen Säulen, Pilastern und Ziergiebeln überrascht. Wie das Tüpfelchen auf dem "i" bekrönt ein markantes Rundfenster die Palastfassade der Landesvertretung.

Wo so heftig im Dekor der italienischen Hochrenaissance geschwelgt wird, kann das Gebäude kaum aus unserer Zeit stammen. Und tatsächlich: Die Hanseaten residieren nun in dem bereits 1892/93 errichteten Haus des "Club von Berlin", das auf einem L-förmigen Grundstück zwischen der Jäger- und Mauerstraße errichtet worden war. Der "Club von Berlin", der künftig wieder zwei Räume des Hauses nutzen wird, wurde als "vornehme Vereinigung von Standesgenossen zur Ausübung geselliger Zwecke" gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich der Kulturbund der DDR in dem Gebäude nieder. Die Architekten waren das um 1900 vielbeschäftigte Duo Heinrich Kayser und Karl von Großheim, zu dessen Werken die Hochschule der Bildenden Künste am Steinplatz und das Kammergericht in Charlottenburg zählen.

Auch bei der malerischen Fassade an der Mauerstraße, die sich um einen kleinen Ehrenhof gruppiert, griffen sie tief in die historistische Vorbildkiste und nahmen Motive der Renaissance auf. Doch wie so oft in Berlin trügt auch hier der schöne äußere Schein, denn im Inneren des Hauses haben sich nur wenige Fragmente der gründerzeitlichen Dekoration erhalten. Wohl in den siebziger Jahren ging auch die nüchtern-elegante Ausstattung verloren, mit der Franz Ehrlich die Innenräume Ende der fünfziger Jahre neu gestaltet hatte.

Dem aufmerksamen Betrachter entgehen auch an den Fassaden nicht die Eingriffe der Hamburger Architekten Dinse, Feest und Zurl, die das Gebäude jetzt umgebaut haben. Während an der Jägerstraße vor allem die Proportionierung der tief sitzenden Fensterkreuze auffällt, sind die Neuerungen beim Seitenflügel an der Mauerstraße weitaus deutlicher. Den weiß glasierten Ziegeln und roten Sandsteingesimsen des Altbaus setzen die Hamburger Architekten ihre eigene Formensprache gegenüber. In ihrer abstrakten Eleganz ist sie der klassischen weißen Moderne verpflichtet: ein markantes Weiterbauen am denkmalgeschützten Bestand, bei dem das Neue selbstbewusst zur Schau gestellt wird, statt sich schamhaft zu verstecken. Hinter den weiten Fensterflächen, die sich in einem spannungsreichen geometrischen Muster auf der Fassade verteilen, verbergen sich das Büro des Hamburger Bürgermeisters und im Dachgeschoss die Dienstwohnung des Hausmeisters.

Der konsequente Kontrast zwischen Alt und Neu zeigt sich auch beim neuen Dachgeschoss auf dem Eckhaus Jäger-/Mauerstraße, das die Gäste der Landesvertretung beherbergt. Auch im Inneren des Gebäudes wird das Gestaltungsthema der Moderne aufgegriffen. So verschwindet der Empfang nicht hinter einem schusssicheren Glaskasten, sondern präsentiert sich an einem offenen Tresen aus Beton und Holz. Eine rostrote Wand gleich links vom Eingang schlägt das Thema der durchgängigen Farbgestaltung an. Schwarz, weiß und rostrot dominieren, die Türen sind in hellem Buchenholz gehalten. Ein wiederkehrendes Motiv im Gebäude sind auch die schmalen hochrechteckigen Fenster und Durchblicke, die nicht nur als verbindendes Motiv zwischen den Räumen dienen. Sie helfen auch, Licht in den 38 Meter tiefen Bau zu leiten. So wurden die Feuerschutztüren als Drehflügel ausgeführt. Stehen sie offen, bieten sie nicht nur einen breiten Durchgang, sondern an der Wandseite auch einen schmalen Durchblick.

Der besseren Belichtung dient ebenfalls der Lichthof, den Dinse, Feest und Zurl hinter dem Empfang eingefügt haben. Seine Wandgestaltung zeichnet - wie schon die Fassade an der Mauerstraße - ein reizvoll karges geometrisches Muster aus verputzten Wandflächen und eingefügten Profilen. Das anschließende Treppenhaus mit seinem opulenten schmiedeeisernen Geländer gehört zu den wenigen Relikten der Bauzeit. In den Obergeschossen musste die Treppe jedoch neu angelegt werden. Dabei wurde sie von der Wand abgelöst und als freistehende schmale Stiege weitergeführt, die eine nahezu skulpturale Raumwirkung entfaltet. Die Veranstaltungsräume im Erd- und erstem Obergeschoss sind zu unterschiedlich großen Raumeinheiten zusammenschaltbar. Auffällig ist die dominante schwarze Wandvertäfelung aus Holz an der Fensterseite. Einen etwas manierierten Eindruck hinterlassen allerdings die hohen Türen mit ihren schmalen Sichtschlitzen und den bis kurz unter die Decke reichenden Messinggriffen.

Einen glatten Fehlgriff stellen die funkelnden Kronleuchter im Festsaal im ersten Obergeschoss dar. Obwohl sie dem Vorbild des Standesamtes in Blankenese nachempfunden sind, bringen sie an Stelle von Lokalkolorit vor allem einen Stilbruch in die ansonsten konsequente Raumgestaltung. Der durchaus beachtenswerte Umgang mit den wenigen Geschichtsfragmenten im Gebäudeinneren zeigt sich auch bei jenen beiden Räumen, in denen sich die Stuckdecken erhalten haben. Statt sie aufwändig zu inszenieren, schauen sie in einem kleinen Bereich hinter der abgehängten Decke hervor. Wie ein Geschichtsfenster bieten sie einen unerwarteten Blick auf die Ursprungsgestalt des Hauses.

Auch beim Bierkeller haben die Architekten auf die Inszenierung einer historisierenden Gemütlichkeit verzichtet. Einzig das offene Mauerwerk der preußischen Kappen an der Decke stellt eine dezente Reminiszenz an die Bierseligkeit anderer Kellergewölbe dar. Die schwarze Theke und der leuchtende Glastresen fügen ebenso wie die schwarzen Lederbänke an den Rückwänden einen existentialistischen Hauch in das überzeugende Gesamtkonzept des Gebäudes.

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