Kultur : Neues Jahrbuch für Kulturpolitik

Bernhard Schulz

30 Jahre alt ist die Kulturpolitische Gesellschaft (KuPoGe) im Juni geworden, und ihr sechstes „Jahrbuch für Kulturpolitik“ widmet sie aus diesem Anlass dem Thema „Diskurs Kulturpolitik“. Ein weites Feld, sollen doch „die kulturpolitischen Diskussions- und Modernisierungsprozesse seit den 1970er Jahren“ behandelt werden – und das von vierzig Autoren (Klartext Verlag, Essen, 479 S., 19,90 €).

„Solange Kulturpolitik in erklärter Distanz zur Rationalität der Ökonomie an Konstruktion und Vermittlung utopischer Gehalte werkelte“, schreibt der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann, „war ihr Aufmerksamkeit in der bundesdeutschen Gesellschaft sicher. Gegenwärtig befindet sie sich, gemessen an öffentlicher Resonanz, Akzeptanz und politischer Durchdringungstiefe ihrer Anliegen, in der Defensive.“ Reizvoll, wenige Seiten weiter einen Beitrag von Bundestagspräsident Norbert Lammert zu lesen, vormals kulturpolitischer Sprecher der CDU: Unter Berufung auf Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger thematisiert er den Begriff „Leitkultur“ und betont gerade die Nicht-Universalität unserer Weltbilder, ob rational, ethisch oder religiös fundiert. „Man muss den Begriff nicht mögen“, so Lammert, man dürfe aber „nicht verdrängen, dass jede Gesellschaft einen Mindestbestand an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen braucht, ohne die auch ihre Regeln und ihre gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Dauer keinen Bestand haben.“ Lammerts Amtsvorgänger und jetziger Vize Wolfgang Thierse (SPD) nimmt sich sodann der „Kulturellen Dimensionen der Deutschen Einheit“ an und bescheinigt „Ostdeutschland als Kulturregion und als Bildungs- und Forschungsregion“ eine „fundamentale Perspektive“.

Widersprüche sind programmiert bei einem derart breiten Spektrum von Autoren, deren Beiträge sich nur mühsam in vier Themenblöcke einordnen lassen. Da wird viel Theorie geboten, aber auch manch selbstkritische Einsicht, etwa von KuPoGe-Geschäftsführer Norbert Sievers, der die enorme Ausweitung des Kulturbegriffs begrüßt, jedoch feststellt, „dass das kulturelle Interesse kein unbegrenzt verfügbares Gut ist, sondern eine knappe Ressource, um die sich viele Anbieter bemühen“. Die Folge: „Die Wahlmöglichkeiten der potenziellen Kulturnutzer sind enorm gestiegen.“

Dieser Ausweitung der kulturellen Aufgaben steht die Einschränkung der kulturellen Ausgaben durch Länder und Gemeinden gegenüber, die der statistische Anhang des Bandes detailliert verzeichnet: Von 2001 bis 2005 sanken sie je Einwohner von 104 auf 95 Euro. Der private Sektor, den die KuPoGe stets mit einem gewissen Misstrauen beäugt, muss die Lücke füllen. Der Bürger ist gefragt, gerne als Mäzen, aber eben auch schlicht als zahlender Kunde.

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