Neues Management : In voller Fahrt

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht vor einem Generationswechsel: Der 48-jährige Hermann Parzinger übernimmt die Amtsgeschäfte vom langjährigen Präsidenten Klaus Dieter Lehmann, der mit 67 Jahren aus dem Amt ausscheidet.

Bernhard Schulz
Klaus Dieter Lehmann
Großbaustelle Preußen: Der scheidende Präsident Lehmann beim Richtfest für den Umbau der Staatsbibliothek.Foto: dpa

Ein Generationswechsel steht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) bevor. Auf den 67-jährigen Klaus-Dieter Lehmann folgt im Amt des Präsidenten der 48-jährige Hermann Parzinger. Übermorgen, am 29. Februar, wird Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Amtsübergabe zelebrieren – wo anders als im Pergamon-Museum, das dem Archäologen und Prähistoriker Parzinger als vertraute Heimstatt erscheinen, doch zugleich die größte Bauaufgabe auf der Museumsinsel vor Augen stellen wird. Nebenbei ist der seltene 29. Februar der Geburtstag Lehmanns. Er vollendet das 68. Lebensjahr und scheidet am beamtenrechtlich allerletztmöglichen Tag seiner dreijährigen Verlängerungszeit aus.

Vorgestern hat Lehmann seine zehnte und letzte Jahrespressekonferenz der Stiftung abgehalten. „Wir machen business as usual“, beruhigte er die zahlreicher als je zuvor erschienene Journalistenschar und versprach „weder Trauerfeier noch Weiheakt“. Daran hat sich der Präsident gehalten, der zwar das Amt, nicht aber den Titel aufgibt, macht er doch nach einem Monat Pause sogleich als Präsident weiter, diesmal beim in München ansässigen Goethe-Institut. Lehmann, auch am Montag verbindlich und zugewandt wie immer, ist ein Meister des geräuschlosen Übergangs, der leisen Diplomatie, der vollendeten Tatsachen. Die Zäsur, die der Wechsel an der Spitze der größten deutschen Kulturinstitution bedeutet, wurde nicht einmal in einem Nebensatz gestreift.

Wie Lehmann in den vergangenen neun Jahren agiert hat, beschrieb er beiläufig: „Man kann nicht immer die Sterne vom Himmel holen, aber wenn man erst einmal einen Fuß in der Tür hat, dann kriegt man die Tür auch auf.“ Den Fuß hatte Lehmann stets in der Tür – in so vielen Türen, dass den Schach- und Winkelzügen des hervorragend vernetzten Präsidenten kaum je zu folgen war. Widerstände waren stets nur dazu da, um von ihm leichthin überwunden zu werden. Dass niemand sein Gesicht verlieren musste, wenn Lehmann als Sieger vom Platz ging, gehört zu den Stärken dieses Kulturmanagers in des Wortes schönster Bedeutung.

Zu seinen Lieblingsfloskeln zählt „ins Boot holen“, mit Engelsgeduld gebraucht bei dem schwierigsten Problem seiner frühen Amtsjahre, als es galt, die unwilligen Bundesländer zum dauerhaften Verbleib in der Trägerschaft der Preußen-Stiftung zu bewegen. Er hat sie alle ins Boot geholt. Oder wie er es jetzt unterspielt: „Wir hatten die Entflechtungsdebatte“ – zwischen Bund und Ländern über Gemeinschaftsaufgaben –, „da habe ich alle Staatskanzleien besucht.“ So einfach war das. Je- denfalls sprang der Bund bereitwillig ein, um die Finanzierung aller Baumaßnahmen der SPK fortan allein zu schultern.

Lehmann hat es nicht nötig, mit seinen Erfolgen zu prahlen. Das macht den gebürtigen Breslauer auf angenehme Weise preußisch. Seine Biografie steht für das föderale Element, das er, allem Missmut der vor Jahren noch spürbar Berlin-skeptischen Bundesländer zum Trotz, stets hochgehalten hat. Vor zwanzig Jahren übernahm er die Generaldirektion der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main und bewältigte nach der deutschen Einheit den bundesfinanzierten Neubau ebenso wie die ohne allzu große Verwundungen abgegangene Integration der Deutschen Bücherei in Leipzig. Beides qualifizierte ihn für das Amt an der Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, deren Ost-West-Vereinigung keineswegs friedlich verlief. Wenn er jetzt über das zurückliegende Jahr 2007 sagt, es sei eines gewesen, „das die Integration nach innen richtig gepusht hat“, dann stellt niemand die nahe liegende Frage, ob es zuvor in den ost-west-gedoppelten Stiftungseinrichtungen nicht doch schwieriger zuging, als stets erzählt wurde.

Das Jahr 2007 bildet in seinem Erfolgsreichtum das konzentrierte Abbild der gesamten Amtszeit. Die Finanzen sind geordnet, die Besucherzahlen steigen unentwegt, die wichtigsten Baumaßnahmen sind entweder abgeschlossen, energisch im Gange oder aber minuziös zur Entscheidung vorbereitet. Das ist, was Lehmann im tieferen Sinne mit business as usual meint. Was ihn, dessen durchaus bemerkenswerter Ehrgeiz nie unangenehm hervorsticht, tatsächlich gereizt hat – und mit andauernder Amtszeit immer stärker –, ist die kulturpolitische Rolle, die die Stiftung spielen kann, und die Lehmann als Person nahtlos in sein neues Amt als oberster Kultur-Außenpolitiker Deutschlands mitnimmt. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 hat die Stiftung mit mehreren Ausstellungen repräsentativ ausgeschmückt, das „Jahr der Geisteswissenschaften“ hat der Präsident entschlossen genutzt, die zwischenzeitlich nicht mehr als wissenschaftliche Topadresse wahrgenommene SPK sogleich in ein „Exzellenz-Cluster“ einzufügen. Die bundesfinanzierte Provenienzforschung wird natürlich in Berlin koordiniert, wo die Stiftung auch die vom Parlament angemahnte Nachfolgetagung zur wegweisenden Washingtoner Konferenz zur NS-Raubkunst von 1998 ausrichten wird.

In Sachen NS-Diebesgut aus jüdischem Eigentum hat die Stiftung stets vorbildlich gehandelt. So geht in diesem Bereich alles geräuschlos über die Bühne. Nur bei der Beutekunst war Lehmann kein Glück beschieden. Mit Russland ging es nie geräuschlos, da waren polternde Duma-Abgeordnete ebenso vor wie die Lehmann an politischem Geschick ebenbürtigen Museumsdirektoren aus Moskau und St.Petersburg. Wenn der scheidende Präsident dennoch tapfer „zu behaupten“ wagt, „wir haben auch in Russland eine neue Nachdenklichkeit erreicht“, so klingt das nach Pfeifen im Wald. Im Herbst will die SPK demonstrativ den 50. Jahrestag der sowjetischen Rückgabe von 1,2 Millionen Kunstwerken an die DDR feiern: „Ohne die wäre die Museumsinsel eine Hülle fast ohne Inhalt“. Ein Signal gen Osten, das ja.

Ob Hermann Parzinger tatsächlich so nahtlos an Lehmanns elegante Amtsführung anschließen wird? Mit Vorschusslorbeeren reich bedacht ist der makellose Vorzeigewissenschaftler: mit 31 Jahren habilitiert, mit 39 Träger des Leibniz-Preises, mit 43 Chef des Deutschen Archäologischen Instituts, dem er nicht nur die Eurasien-Abteilung beschert, sondern das er zugleich mit seiner Skythen-Ausstellung weithin bekannt gemacht hat. Dieser Tage äußerte sich der designierte Präsident in einem Interview mit der „Zeit“ – und geriet beim Humboldt-Forum ins Schwimmen. „Wir bauen ja kein Schloss, sondern das Humboldt-Forum“, erklärte er in Umkehrung der Entscheidungsfindung des Bundestages. War es Zufall, dass Lehmann unmittelbar darauf verlauten ließ, die Vorgaben des Bauwettbewerbs seien keineswegs einengend? In der Sache unterscheiden sich Lehmann und der von ihm ausgewählte Nachfolger nicht. Nur weiß Lehmann das Spiel mit Nuancen perfekt zu beherrschen. Der gebürtige Münchner Parzinger, ein Mann der Forschung wie der Praxis – der gern von Steppennächten im Ausgräberzelt schwärmt –, wird sich an das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gewöhnen müssen.

Dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) bescheinigte der Wissenschaftsrat bei seiner jüngsten Evaluation „exzellente Führung“. Parzinger selbst sprach bei seiner Verabschiedung als DAI-Präsident von der „Modernisierung des Instituts“ und der „Straffung der Strukturen“, von „flachen Hierarchien“ und davon, „wie Wissenschaft aufgestellt sein muss“. Da war ein Macher zu sehen, hemdsärmelig auch im gedeckten Anzug.

Die Aufgabe, das höchst ambitionierte Humboldt-Forum konzeptionell auszufüllen, scheint für ihn wie maßgeschneidert. Sein Lobpreis für die geisteswissenschaftliche Forschung des 19. Jahrhunderts – auf gut preußisch: für das Zeitalter Humboldts – lässt als Tenor seiner künftigen Arbeit die Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft, Museen und Forschung, Wissensvermittlung und Wissensproduktion erkennen.

Die Stiftung ist, nach manchen Stürmen, inzwischen hervorragend aufgestellt. Parzingers Ehrgeiz wird es sein, sie noch besser zu machen. Nur wie er zugleich seine Archäologentätigkeit fortsetzen will, das muss er noch erklären.

Klaus-Dieter Lehmann wurde am 29. Februar 1940 in Breslau geboren. Nach Schulbesuch in Oberfranken und

Düsseldorf studierte er Mathematik und Physik, später Bibliothekswissenschaft. Von 1978 an leitete er die Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main und wechselte 1988 als Generaldirektor zur Deutschen Bibliothek.

Seit 1999 amtiert er als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Am 29. Februar, seinem 68. Geburtstag, übergibt er das Amt an Hermann Parzinger.

Lehmann, u.a. Mitglied der Mainzer Akademie und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, tritt am 1. April sein neues Amt als Präsident des Goethe- Instituts in München an. 2006 erhielt er den Berliner Verdienstorden.

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