Kultur : Neues Museum Weserburg: Ein Museum als Probebühne

Wie entstand die Idee für ein Sammlermuseum i

Thomas Deecke (61) leitet seit zehn Jahren das Neue Museum Weserburg in Bremen. Das erste "Sammlermuseum" Europas hat keinen eigenen Bestand. Stattdessen sind in den ehemaligen Speichergebäuden sind stattdessen auf 6000 Quadratmetern mehrere Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst versammelt.

Wie entstand die Idee für ein Sammlermuseum in Bremen?

Die Initiative ging seinerzeit von der Stadt Bremen aus. Auf dem noch wenig genutzten Teerhof im Zentrum der Hansestadt sollte schon in den achtziger Jahren ein Ort für die zeitgenössische Kunst entstehen. Den Anfang hatte bereits die nach dem Modell der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin konzipierte "Gesellschaft für Aktuelle Kunst" gemacht. Von dem Künstler Jürgen Waller, der die GAK gegründet hatte, stammt die Idee den Berliner Sammler zu fragen, ob er nicht seine gesamte Kollektion nach Bremen geben wolle. Die Idee zündete aber erst 1987, damals beauftragte mich der Bremer Senat, die losen Fäden wieder aufzunehmen und ein Konzept für die Weserburg zu entwickeln. Um nicht wie in Köln in die "Ludwig Falle" eines Ein-Sammler-Museums zu fallen und unabhängig zu bleiben, entstand der Gedanke, mehrere private Kunstsammlungen zusammen zu bringen. Als Modell war das Sammlermuseum anfangs allerdings durchaus umstritten. Es war ein Experiment, von dem Pessimisten behaupteten, dass es scheitern würde - an den Egoismen der Kunstsammler. Das hat sich glücklicherweise als falsch herausgestellt, wie man nach zehn Jahren feststellen kann.

Inzwischen gibt es immer mehr von einzelnen oder mehreren Sammlern bespielte Museen: in Karlsruhe, Berlin, Köln, Weimar.

Karlsruhe ist sogar ausdrücklich nach unserem Modell entwickelt worden. Für den Boom dieser Museen gibt es zwei Erklärungen. Ganz banal kann sich die öffentliche Hand die Kunst, die sie eigentlich sammeln müsste, nicht mehr leisten oder - was viel schlimmer ist - will sie sich nicht mehr leisten. Schließlich sind die Preise für zeitgenössische Kunst in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Zum anderen gibt es aber auch einen neuen Sammlertyp. Anders als früher die berühmten amerikanischen oder russischen Kunstsammler, geht die neue Generation nicht mehr allein nach kunsthistorischen Kriterien vor, sondern erwirbt Werke und Werkgruppen nach persönlichen Vorlieben, angetrieben von einem sehr spezifischem Engagement auch für das noch nicht Abgesicherte. Diese konzeptuellen Ansätze von Kunstsammlern machen wir öffentlich und geben ihnen ein Forum, wo ihre Kunst gewissermaßen erprobt wird. Gegenüber dem kunsthistorischen Museum ermöglicht ein Sammlermuseum Experimente und kann näher an der zeitgenössischen Kunstproduktion arbeiten. Wir wollen keiner traditionellen Institution Konkurrenz machen, sondern eine Probebühne darstellen. Obwohl wir natürlich weitestgehend davon überzeugt sind, dass die Kunst, die wir zeigen, dauerhaft Bestand haben wird.

Entstehen nicht auch Probleme durch diesen wachsenden Einfluss von Privatsammlern?

Da fragen Sie den Falschen - bei uns gibt es solche Probleme tatsächlich nicht! In unserem Museumsteht die Kunst im Mittelpunkt. Jeder unserer Kooperationen gingen ausführliche Gespräche mit den Sammlern voraus. Ich konnte immer frei aus der bestehenden Sammlung auswählen, war dabei aber stets bemüht, nicht nur die Glanzstücke herauszupicken, sondern das persönliche Konzept des Sammlers in der Hängung widerzugeben. Von vornherein haben wir es mit einem sehr besonderen Sammlertyp zu tun. Mit Liebhabern der Kunst, die hinter und nicht vor ihren Kunstwerken stehen. Denen die Kunst wichtiger ist als alles andere, so wie es Ad Reinhard gesagt hat: "Kunst ist Kunst und alles andere ist alles andere."

Und die Stadt wird von einem Großteil der finanziellen Verantwortung befreit?

Ich möchte das nicht schön reden. Der Senat von Bremen finanziert die Personal- und Sachkosten auf niedrigem Niveau, aber wir haben keinen nennenswerten Ausstellungsetat und seit fast 6 Jahren keinen Ankaufsetat mehr, von einer wichtigen Ausnahme abgesehen, als man uns 1998 großzügig mit einer Viertel-Millionen unterstützte, das "Archive for Small Press & Communication" zu erwerben. Natürlich erfüllt es mich mit Neid, wenn das gleichzeitig mit uns gestartete Frankfurter Museum für Gegenwartskunst von der Stadt einen jährlichen Etat von einer Million Mark für zugesagt bekommen hat. Davon können wir in Bremen nur träumen.

Zum Jubiläum versprechen Sie auf Plakaten steigende Besucherzahlen.

Sie spielen auf eine ironische Arbeit des Kieler Künstlers Peter Niemann an. Auf von ihm konzipierten Plakaten droht das Museum, Bilder zu verhängen, wenn die monatlichen Besucherzahlen des Vorjahres unterschritten werden. Glücklicherweise kam es nicht dazu, denn die Jubiläumsausstellung mit der Sammlung Olbricht erfreut sich allergrößter Beliebtheit. Aber ein Museum, dass hauptsächlich Kunst aus den letzten dreißig Jahren zeigt, hat es natürlich schwer. Selbst die Klassiker aus den sechziger Jahren, wie Donald Judd, Sol LeWitt oder Mario Merz locken keine Massen. Wir haben auf Vermittlung in Form zahlreicher Führungen, Künstlergesprächen, Seminaren und Symposien gesetzt, sowie einer engen Kooperation mit der Universität Bremen, an der drei Mitarbeiter des Museums und ich Lehraufträge wahrnehmen. Publikumsmagnete bleiben die Sonderausstellungen, die wir trotz geringer öffentlicher Mittel nur mit Hilfe von Sponsoren realisieren können. Die vergleichsweise niedrigen Besucherzahlen in den ständigen Sammlungen sind in der Zeit der Eventkultur allerdings kein Bremer Problem. Gehen Sie an einem Mittwochvormittag in ein beliebiges Museum - wenn dort nicht gerade Würstchen gebraten werden oder Kasperletheater gespielt wird, sind Sie allein mir der Kunst.

Die Sammlung Olbricht ist äußerst publikumswirksam: viel Fotografie, Video, junge internationale Kunst mit Schockfaktor - eine Verbeugung vor den Massen?

Nein, vielmehr ist es ein Start ins nächste Jahrzehnt! Hinter uns liegt eine Ära des Aufholens in Bremen nie gezeigter Kunst mit Ausstellungen zum Minimalismus, zur Arte Povera oder Präsentationen herausragender Einzelgänger von Roman Opalka über Jochen Gerz, von Richard Long bis Vija Celmins. Die Sammlung Olbricht zeigt Kunst von heute. In den kommenden Jahren werden wir uns verstärkt dieser jüngsten Gegenwart widmen. Schließlich heißt es "Neues Museum Weserburg" - und das meint stete Wandlung ins Gegenwärtige.

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