• Neugliederung des Bundesgebiets: Hoffnung auf Stimmungswandel im Speckgürtel - Für die Fusion mit Berlin kommt es auf die Brandenburger an

Kultur : Neugliederung des Bundesgebiets: Hoffnung auf Stimmungswandel im Speckgürtel - Für die Fusion mit Berlin kommt es auf die Brandenburger an

Christoph Stollowsky

Die Ehestifter sind wieder unterwegs. Berlin und Brandenburg sollten noch in diesem Jahrzehnt die Hochzeit wagen, erklärten Berlins Regierender Eberhard Diepgen (CDU) und der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) am Wochenende in schönster Harmonie. Ihr Wunschtermin: "Am besten das Jahr 2009." Spätestens drei Jahre vorher sollten die Bürger beider Länder erneut über die Vermählung abstimmen, nachdem sich eine Mehrheit von knapp 62 Prozent im Jahre 1996 dagegen ausgesprochen hatte. Die Fusionsmuffel waren damals eindeutig die Brandenburger. Ob ein zweiter Anlauf nun besser klappt, wird maßgeblich davon abhängen, wie sich Brandenburgs Bevölkerungsstruktur seit 1996 entwickelt hat.

Noch im Dezember vergangenen Jahres wollten laut einer Forsa-Umfrage nur 32 Prozent der Brandenburger möglichst schnell mit den Berlinern unter die Haube kommen. Der Landstrich, auf den sich nun alle Hoffnungen konzentrieren, ist der Speckgürtel rund um die Großstadt. Rund 36 Prozent der 2,6 Millionen Brandenburger leben dort - und die meisten sind "Zugezogene" aus Berlin. Etwa 120 000 Menschen schleppten seit 1993 ihre Umzugskisten ins grüne Umland, doch viele pendeln. Sie fühlen sich auch noch am Alex zuhause. Deshalb seien sie für die Idee eines gemeinsamen Großraumes empfänglicher, hoffen Diepgen und Stolpe.

Doch die Statistik stimmt eher skeptisch. Denn bei der Abstimmung 1996 waren die Gegner auch im Speckgürtel stark. Es gab nur ein paar Prozent mehr Befürworter als im übrigen Brandenburg. Und dies, obwohl die Welle der Auswanderung ins Umland schon 1996/97 ihren Gipfel erreichte. Seither "ebbte sie langsam ab", sagt Veronika Kuchta vom brandenburgischen Landesamt für Statistik.

Ausgerechnet die Alten

Und ihr Kollege Jürgen Paffhausen von den Landesstatistikern in Berlin ist auch nicht gerade zuversichtlich. Schließlich kommt gut die Hälfte der abtrünnigen Berliner im Umland aus dem Osten der Stadt, der sich 1996 eher als fusionsfeindlich erwies. In Marzahn-West/Ahrensfelde-Süd beispielsweise gab es 64,9 Prozent Nein-Stimmen.

Schaut man nun aufs flache Land in Brandenburg, so sieht es auf den ersten Blick gleichfalls düster aus. Je weiter weg, umso geschlossener war 1996 die Front der Gegner. Betrachtet man allerdings die Wahlergebnisse genauer, so ergibt sich ein überraschender Hoffnungsschimmer. Schließlich hatte schon 1996 niemand erwartet, dass ausgerechnet ältere Bürger, denen das Klischee des Konservativen anhaftet, die Fusion befürworten würden. Tatsächlich stimmten aber 61 Prozent der über 60-jährigen Brandenburger für ein gemeinsames Land - und die große Mehrheit der jüngeren Leute dagegen.

Auf diesem Hintergrund müsste eine erneute Abstimmung in Frankfurt/Oder, Rheinsberg oder Eberswalde sogar noch positivere Zahlen bringen, denn seither ist das Hinterland erheblich gealtert. "Die jungen Leute ziehen fort", sagt Veronika Kuchta. Jeder fünfte Brandenburger ist bereits über 60 Jahre alt - Tendenz zunehmend. Zum Vergleich: In Hessen oder Hamburg ist durchschnittlich nur jeder sechste Bürger ein potentieller Rentner.

Wie auch immer. Fernab der Statistik betonen viele Politiker, die Stimmung in Brandenburg habe sich gedreht. Immer mehr Menschen würden die Vorteile der Ehe erkennen - und damit auch die Bedeutung des Wortmonstrums Länderfinanzausgleich. In dessen Rahmen bekämen der Stadtstaat und der Flächenstaat, fänden sie denn zueinander, aus der Bundeskasse möglicherweise mehr Zuschüsse. Das hoffen zumindest Diepgen und Stolpe. Auch deshalb haben sie ihre Heiratsanträge aufgefrischt.

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