Kultur : New Economy-Roman: Arbeit ist das ganze Leben

Stephanie Wurster

Ein Agenturroman - wie schön. Es kommt einem so vor, als habe man schon lange darauf gewartet. Schließlich kennt jeder jemanden, der in einer Werbe-, Multimedia- oder Sonstwasagentur gearbeitet hat. Lange bleibt man da anscheinend nicht, was sicher auch mit dem Up und Down der Börsenkurse zu tun hat. Es kursieren die exotischsten Vorstellungen von diesen Agenturen. Das morgendliche Gratisbüfett, der wöchentliche Tai-Chi-Kurs, die Frei-Haus-Massage und der sonstige Schnickschnack, mit dem Angestellte bei der Stange gehalten werden. Und dann die attraktiven Mitarbeiterinnen in ihren Prada-Röcken, hochqualifiziert und szenetauglich.

Der 37-jährige Berliner Schriftsteller Rainer Merkel erzählt in seinem Debüt "Das Jahr der Wunder" von dieser schönen neuen Angestelltenwelt. Das Buch ist ein Bildungsroman, es handelt von einem gescheiterten Medizinstudenten namens Christian Schlier, der sein bisheriges Leben hinter sich lässt und bei einer Multimediaagentur anheuert. Die Agentur trägt den rätselhaften Namen GFPD, der Novize taucht ab in das aquariumshafte Ambiente seines neuen Arbeitsplatzes. Am Schluss steht keine Läuterung, sondern ein Jogginglauf in die aufgehende Sonne. Ein Bild, das man aus amerikanischen Filmen kennt.

Das unspektakuläre Finale passt zu einer Geschichte, in der es immer nur weiter und weiter geht. Schlier absolviert ein kafkaeskes Vorstellungsgespräch, bekommt eine Stelle als "Konzepter" und bearbeitet ausgerechnet - wie unsexy - den Großauftrag einer Bausparkasse. Angetrieben von schwerem Erfahrungshunger beobachtet der Protagonist gruppendynamische Spannungen im Team, fragt sich, wer eigentlich der Chef ist, und versucht, alles richtig zu machen. Den Kunden beeindrucken, den Agentur-Jargon erlernen, den Kollegen ein Freund werden. Die New Economy will keine Arbeitnehmer, sie nimmt den ganzen Menschen. Vom Christian Schlier vor der GFPD-Zeit bleibt nicht mehr viel übrig. Grad mal Erinnerungen an eine Freundin, für die er jetzt keine Zeit mehr hat. Und das morgendliche Joggen in den Sonnenaufgang.

Disziplin ist nötig, um in der neuen Arbeitswelt zu bestehen, aber auch: Hingabe. Schlier sieht sich am Anfang als Einzelkämpfer, dann als Teammitglied und bald hat er, das ist keine Überraschung, seine Identität an den Gruppenkontext verloren. Dieser Vorgang wird durch seinen naiv wirkenden Anpassungsdrang beschleunigt. Insofern ist "Das Jahr der Wunder" eine psychologische Studie. Schließlich hat Rainer Merkel nicht nur Kunstgeschichte, sondern auch Psychologie studiert. Sein "Jahr der Wunder" lebt aber vor allem von der genauen Beschreibung von Stimmungen und Atmosphären, die im Team sublimierte Erotik ist zu spüren und die Lichtverhältnisse, die in der offenbar großartigsten Agentur Berlin-Moabits herrschen, wirken mitunter geradezu sakral. Bei den assoziativen Denk- und Wahrnehmungsprozessen im Kopf von Christian Schlier, an denen der Autor den Leser teilhaben lässt, geht es aber nie konkret um das Sparkassen-Konzept, an dem der Mann doch eigentlich arbeitet. Was genau macht er also den ganzen Tag? Was heißt hier eigentlich Machen? Was Arbeit?

Über die Innensicht des Konzepters - inzwischen heißt das auch oft Conceptioner - erfährt der Leser von einem Betrieb, dessen Spezifika über die Schlagwörter flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten, Flexibilisierungsdruck und Kuschel-Kommunikation hinausgehen. Bei GFPD, das sich die "Realisierung kundenspezifischer Problemlösungen" vorgenommen hat, scheint vor allem das Letztere, die Kommunikation interessant. Die sozialen Beziehungen beschränken sich bald auf Kollegen, die, wie Schlier selber, Kreativität mit Dienstleistung verbinden müssen. Freizeit bleibt auf der Strecke, Privatleben auch. Höhepunkte des Arbeitsalltags sind gemeinsame Ausflüge zum Inder in der Mittagspause. Mangelerscheinungen treten nicht auf: Die Tresenkommunikation wird einfach in die Arbeitsräume verlegt, die Intimsphäre auch vor dem Feierabend verletzt - in scheinbar gegenseitigem Einverständnis. Über den Ich-Erzähler erfährt der Leser von den Schattierungen der Distanz und Nähe dieser Kommunikation. Solche Beobachtungen sind auch über die Schauplätze des Romans hinaus relevant.

"Das Jahr der Wunder" spielt in einer Vergangenheit, die gerade eben erst vergangen ist, in der New Economy-Aufbruchsstimmung Mitte der neunziger Jahre, als die Sponsorengelder noch flossen und die Euphorie am höchsten war. Rainer Merkel hat damals selbst in einer Multimediaagentur gearbeitet, wie sein Protagonist als Konzepter. Recherchieren musste er trotzdem: "Das ist dann natürlich auch ein Ehrgeiz, dass da keine Ungenauigkeiten sind." Schließlich geht um einen inzwischen gut etablierten Berufsstand. Merkel befragte Mitarbeiter seiner ehemaligen Agentur und stellte fest, "dass die Leute, die da gearbeitet haben, sich auch nicht mehr so erinnern können, weil sich so viel geändert hat". Der S. Fischer-Verlag, bei dem das Buch erschienen ist, geht auf Nummer Sicher und legte seinem Presseheft thematisch passende Artikel aus der "Spex" bei.

Rainer Merkel, der vor ein paar Jahren von Moabit nach Kreuzberg gezogen ist, hat erst mit Mitte Zwanzig zu schreiben begonnen, spät, wie er findet. Einen besonderen Grund brauchte es nicht: "Ich hab mit dem Schreiben angefangen, weil ich mich für alles so irrsinnig interessiere. Vielleicht schreibt man auch nur deswegen, weil man überall so halbgebildet ist. Ich kenne mich nirgendwo aus und ich leide immer drunter." Wettbewerbsteilnahmen und Stipendien folgten. Kürzere Texte wurden in der Literaturzeitschrift "edit" und im "Magazin" veröffentlicht. Wenn man ihn darauf anspricht, guckt er grimmig. In Klagenfurt, wo er beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb aus dem "Jahr der Wunder" las, ging er zur Überraschung vieler Kritiker leer aus. Sein nächstes Buch, erzählt er, spielt an der Nordsee. Wieder soll es um die Beziehung eines Einzelnen zur Gruppe gehen, um Einschluss- und Ausschlussmechanismen.

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