Kultur : New York, rosarot

Mit dem Zauberfilm „Verwünscht“ parodiert Disney sich endlich einmal selbst

Martin Schwickert

Nachdem die Disney-Studios in den letzten Jahrzehnten den internationalen Märchenfundus geplündert und zu Leinwandkitsch verarbeitet haben und die Trickfilm-Konkurrenz diese Produkte wiederum erfolgreich als Persiflage recycelte, wurde es Zeit, dass Disney sich einmal selbst parodiert. Der Trick, den Regisseur Kevin Lima anwendet, ist einfach: Er konfrontiert die bonbonfarbene Märchenwelt der Animationsfilme mit der hektisch-tristen Realität Manhattans. „Verwünscht“ beginnt in vertrauten Trickfilmregionen, wo die schöne Giselle in einem Turm ihr rotes Haar kämmt, bis sie von Prince Edward erlöst wird.

Natürlich ist die Hochzeit nach dem ersten Blickkontakt besiegelt, wäre da nicht die königliche Stiefmutter, die dafür sorgt, dass Giselle vor der Vermählung in einem Brunnen landet – und aus einem Gully am New Yorker Times-Square wieder herauskommt. Im weißen Hochzeitskleid irrt die verhinderte Prinzessin (Amy Adams) – nun im Realfilm – durch den Big Apple und muss feststellen, dass die Menschen sich nicht an die Märchengesetzgebung halten und jeglichen Sinn für rosarote Romantik verloren haben. Der hübsche Wittwer Robert (Patrick Dempsey) nimmt auf Drängen seiner Tochter (Rachel Covey) die gestrandete Märchengestalt bei sich auf und wird zu Giselles romantischem Agitationsobjekt. Derweil herrscht am Gully Hochbetrieb. Prinz Edward (James Marsden) eilt herbei, um seine Braut zu retten und streckt mit dem Schwert erst einmal einen Linienbus nieder. Wenig später schießt die böse Stiefmutter (Susan Sarandon) aus der Kanalisation und sorgt am Times Square für Spezialeffekte.

Mit großem Ideenreichtum, viel Liebe zum Detail, wenn auch mit wenig Biss, nimmt „Verwünscht“ die kitschigen Disney-Klischees auf den Arm und lässt sie mit der modernen Großstadtrealität zusammenprallen. Nicht nur für die vorweihnachtlich korrumpierte Zuschauerseele ist diese Kollision amüsant. Neben dem camp-verdächtigen Auftritt von Susan Sarandon ragt vor allem Amy Adams in der Rolle der Märchenprinzessin heraus, die mit ihrer unkaputtbaren Naivität den New Yorker Beziehungskrüppel reromantisiert und dabei auch gelegentlich an die Grenzen der eigenen Harmoniesucht gerät. Martin Schwickert

In 21 Berliner Kinos. Originalversion im Cinestar Sony-Center.

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